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/ 22.06.2013
Daniel Damler

Der Staat der Klassischen Moderne

Berlin: Duncker & Humblot 2012 (Wissenschaftliche Abhandlungen und Reden zur Philosophie, Politik und Geistesgeschichte 71); 137 S.; kart., 19,90 €; ISBN 978-3-428-13956-9
Daniel Damler nähert sich der Staatstheorie auf eine ideengeschichtlich besondere Weise, indem er das zentrale Paradigma der Funktionalität als den allgemeinen „Denkraum“ rekonstruiert, in dem sich gerade radikal moderne Theoretiker wie Kelsen bewegt haben. Mithilfe von Literatur (Jewgenis Samjatins utopischer Roman „Wir“, der George Orwell bei „1984“ beeinflussen sollte) und Architektur (Bruno Tauts „Stadtkrone“; Le Corbusiers „Ville Radieuse“, aber auch Adolf Loos „Ornament und Verbrechen“, Bauhaus und russischer Konstruktivismus) erschließt er die „Designtheologie der Moderne“ als „einen übergreifenden, weltanschaulichen Konsens“, an dem „niemand vorbei[kam], sofern er nur in irgendeiner Weise am gesellschaftlichen Leben teilnahm“ (13). Das habe selbst für Carl Schmitt gegolten, der seine Parlamentarismus‑Kritik funktional begründet habe. Dessen Dezisionismus mit der Forderung nach „Klarheit und Konsequenz der Entscheidung“ wohne ein „ästhetizistisches Moment inne“ (110), das dem funktionalistischen Prinzip von Reinheit, Klarheit und Reduktion entspreche. Von hier aus betrachtet habe es gar nicht „den Staat“, sondern vielmehr eine „Ambivalenz der Klassischen Moderne“ gegeben: Als „ein übergreifendes Sinn stiftendes Phänomen“ verwerteten „– wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß – sowohl Anhänger des liberalen Rechtsstaats als auch solche autoritärer Regime Essenzen dieser Moderne konzeptionell“ (122). Bleibt zu ergänzen, dass sich das etwa noch an den Biografien einzelner Bauhaus‑Protagonisten nach 1933, dem klassizistisch‑modernen Mix‑Pompösstil der NS‑Architektur, dem italienischen Futurismus oder an Giuseppe Terragnis rationalistischer „Casa del Fascio“ in Como zeigen ließe, die den Faschismus architektonisch repräsentierte. Damler kann daher mit seinem luziden historisch‑ästhetischen Zugang den bei Voegelin und Horkheimer/Adorno herausgearbeiteten Befund einer chiliastischen „Dialektik“ der Moderne bestätigen, die gerade auch auf die NS‑Diktatur zutrifft (siehe: Riccardo Bavaj, „Die Ambivalenz der Moderne im Nationalsozialismus“, 2003, Buch‑Nr. 23467) – und die in der öffentlichen Diskussion selten genug zur Kenntnis genommen wird.
Robert Chr. van Ooyen (RVO)
Dr., ORR, Hochschullehrer für Staats- und Gesellschaftswissenschaften, Fachhochschule des Bundes Lübeck; Lehrbeauftragter am OSI der FU Berlin sowie am Masterstudiengang "Politik und Verfassung" der TU Dresden.
Rubrizierung: 5.41 Empfohlene Zitierweise: Robert Chr. van Ooyen, Rezension zu: Daniel Damler: Der Staat der Klassischen Moderne Berlin: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35804-der-staat-der-klassischen-moderne_43469, veröffentlicht am 04.04.2013. Buch-Nr.: 43469 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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