/ 17.06.2013
Jean Baudrillard
Der Geist des Terrorismus. Hrsg. von Peter Engelmann
Wien: Passagen Verlag 2002 (Passagen forum); 98 S.; brosch., 14,90 €; ISBN 3-85165-546-XUnter den etlichen Kommentaren über die Zerstörung des World Trade Centers am 11. September 2001 gehören die Baudrillards sicher zu den bemerkenswertesten. Jenseits der in diesem Zusammenhang vielfach bemühten Erklärungsmuster vom Typus der "strukturellen Gewalt" versucht Baudrillard mit den Mitteln einer symbolischen - an der Phänomenonalität des Geschehens ansetzenden - Analyse zu bestimmen, was seit "9/11" anders geworden ist (84 f.). Wir haben es - so seine zentrale These - mit einem neuen Terrorismus auf hohem technologischen Niveau zu tun, der im Unterschied zum Selbstmordterrorismus der Armen ein "Terrorismus der Reichen" ist (26). Die von ihm ausgehende Verstörung liegt einerseits in der symbolischen Gewalt, die primär durch eine bildhafte Inszenierung von Ereignissen wirkt, wobei die Medien - wissentlich oder nicht - Teil des Terrors werden. Andererseits ist der Terrorismus durch eine "Beherrschung der Klandestinität" in Gestalt einer nahezu perfekten Anpassung an den American Way of Life gekennzeichnet, die "jeden Bürger unter Verdacht stellt, und sei es den konformistischsten, wie nunmehr jedes Flugzeug verdächtig geworden ist" (62). Kern dieser Strategie ist eine - gegen Verrat und Korruption immune - "Verpflichtung zum Opfer" (25). Entschieden kritisiert Baudrillard ebenso Interpretationen, die die Anschläge auf den Zusammenprall von Kulturen oder Religionen zurückführen. Wenn man von einer fundamentalen Auseinandersetzung sprechen könne, dann sei es eine, die "die siegreiche Globalisierung mit sich selbst führt" (17). Darin sieht der Autor Anzeichen der Implosion einer sich in sich abschließenden Hegemonialmacht, die im Zustand der "Beinahe-Perfektion" zwangsläufig eine immense Fragilität erzeugt (21).
Der Titelaufsatz ist die deutsche Fassung des ursprünglich am 30. November 2001 in "Le Monde" veröffentlichten Artikels; die beiden anderen Beiträge gehen auf Vorträge zurück, die Baudrillard im März 2002 in Wien gehalten hat. Das abschließende Interview ist im Februar 2002 geführt worden.
Inhalt: Der Geist des Terrorismus. Herausforderung des Systems durch die symbolische Gabe des Todes; Die Gewalt des Globalen; Die Gewalt der Bilder. Hypothesen über den Terrorismus und das Attentat vom 11. September; Jean Baudrillard im Gespräch mit Peter Engelmann.
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.25
Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Jean Baudrillard: Der Geist des Terrorismus. Wien: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/16936-der-geist-des-terrorismus_19457, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 19457
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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