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/ 17.06.2013
Anne Claire Groffmann

Das unvollendete Drama. Jugend- und Skinheadgruppen im Vereinigungsprozeß

Opladen: Leske + Budrich 2001 (Forschung Soziologie 129); 228 S.; kart., 24,54 €; ISBN 3-8100-3007-4
Wie lässt sich die dramatische Eskalation rechts gerichteter Gewalt zu Beginn der Neunzigerjahre erklären? Den bislang präferierten Erklärungsansätzen, die auf biografische Hintergründe der jugendlichen Täter oder auf Individualisierungsprozesse abstellen, steht die Autorin skeptisch gegenüber. Sie könnten insbesondere nicht verständlich machen, so die Kritik, weshalb "die Gewalt gerade zu einem spezifischen Zeitpunkt eskaliert", und außerdem bezögen sie nicht das "Phänomen der Gruppengewalt konstitutiv in die Theorie" (16) mit ein. Untersuchungen zeigten jedoch, dass weit mehr als 90 % der Übergriffe durch Gruppen erfolgten. Diese Erkenntnis sei erstens ein Hinweis darauf, dass "eine individuelle Affinität zur Gewalt erst dann zur tatsächlichen Gewaltausübung führt, wenn das spezifische Umfeld vorhanden ist". Zweitens gebe sie damit aber auch Anlass zu fragen, ob "nicht gerade spezifische Gruppenprozesse erst eine Affinität zur Gewalt erzeugen und einüben" (16). Die Autorin geht ihrerseits davon aus, dass Gewalttaten als Rituale zu fassen sind, die situativ und spontan entstehen, jedoch spezifische (Vor-)Kenntnisse erfordern. Da "dem Handeln der Jugendlichen selten ein geschlossenes rechtsextremistisches bzw. neonazistisches Weltbild zugrunde liegt, ist zu vermuten, daß die Taten in einen anderen Kontext eingebunden sind, der den Jugendlichen die Struktur des Rituals und ein spezifisches Wissen vermittelt" (17). Als solcher Art benötigtes Medium fungieren insbesondere die Skinheadgruppen, die in der Zeit der Vereinigung und danach verstärkt aufkamen. Mit ihnen steht die Gewalteskalation zum einen im Zusammenhang. Zum anderen "deutet das plötzliche Eskalieren der Gewalt kurz nach der Vereinigung Deutschlands und während der Asylrechtsdebatte darauf hin, daß die Entstehung der Gruppentaten eng mit den gesellschaftspolitischen Ereignissen und Diskursen verbunden ist" (17 f.). Diese fungierten als gesellschaftspolitische Gelegenheitsstrukturen gewalteskalierend. Für die Analyse von Gewalt hält die Autorin es mit Willems für erforderlich, sie als Merkmal einer sozialen Situation zu begreifen. "Soziale Situationen [...] sind von politischen Diskursen und gesellschaftlichen Widersprüchen durchdrungen, auf die sich die Handelnden intentional beziehen. Die Phase der eskalierenden Gewalt Anfang der neunziger Jahre muß demnach als Ausdruck einer spezifischen situativen Verfaßtheit der Gesellschaft definiert werden, in der sich über gesellschaftliche Widersprüche und Diskurse ein Interaktionsfeld konstituiert." (18) Die Rekonstruktion einer rechtsorientierten Jugend- bzw. Skinheadclique innerhalb eines lokalen, von nationalen Diskursen und transnationalen Globalisierungstendenzen durchzogenen Interaktionsfeldes ist die Absicht Groffmanns. Zu diesem Zweck untersuchte sie unter Anwendung verschiedener Methoden (u. a. teilnehmender Beobachtung, Leitfadengespräche, Presseanalyse) ein Jahr lang die Entstehung und Entwicklung der Skinheadszene in einer westdeutschen Kleinstadt und arbeitete einige "verallgemeinerbare gruppendynamische Prozesse" (20) heraus. Im Ergebnis sieht sie ihre These bestätigt.
Detlef Lemke (LE)
Dipl.-Politologe.
Rubrizierung: 2.352.37 Empfohlene Zitierweise: Detlef Lemke, Rezension zu: Anne Claire Groffmann: Das unvollendete Drama. Opladen: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/15080-das-unvollendete-drama_17125, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 17125 Rezension drucken
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