/ 22.06.2013
Christine Kohlmayr
Das geflügelte Wort von der Banalität des Bösen. Hannah Arendts Buch "Eichmann in Jerusalem" in der deutschsprachigen Presse – eine Diskursanalyse
Marburg: Tectum Verlag 2011; 169 S.; 24,90 €; ISBN 978-3-8288-2582-6Hannah Arendt relancierte mit ihrem Buch „Eichmann in Jerusalem“ die Debatte über die Voraussetzungen des Nationalsozialismus und des Holocaust. Die politische Karriere des für die Organisation der Deportation der Juden zuständigen SS-Obersturmbannführers Adolf Eichmann, so die kontroverse These der politischen Philosophin, sei Ausdruck der Banalität des Bösen; Eichmann sei kein ideologischer Überzeugungstäter gewesen, sondern ein beflissener Bürokrat, der sich als gesetzestreues und gewissenloses Rädchen in die administrative Vernichtungsmaschine eingefügt habe. Trotz mitunter heftiger Kritik an Arendts Interpretation avancierte das Motiv von der Banalität des Bösen zu einem Schema für die mediale Deutung politischer Verbrechen. Gestützt auf das methodische Instrumentarium der kritischen Diskursanalyse Siegfried Jägers analysiert Kohlmayr, wie sich der Diskurs über die Banalität des Bösen entwickelte. Mit dem Ziel, die jeweiligen diskursiven Konstruktionen der Wirklichkeit aufzudecken und zu hinterfragen, fokussiert die Autorin in ihrer Feinanalyse sechs Artikel aus deutschsprachigen Zeitungen, in denen das Diktum Arendts auf explizite oder implizite Weise auftaucht. Inwiefern die ausgewählten Texte als typisch für diesen Diskurs verstanden werden können, bleibt allerdings ungeklärt. Kohlmayr liefert eine unverbundene Serie detaillierter Textanalysen und kann das umfassendere Erkenntnisinteresse einer Diskursanalyse im Sinne Jägers nicht einlösen. Es fehlen Vergleiche und Querverbindungen zwischen den Textanalysen, von denen auf allgemeine Strukturen und Formationsregeln des Diskurses geschlossen werden könnte. Ihr Fazit fällt entsprechend mager aus: Arendts Diktum von der Banalität des Bösen sei zu einem „geflügelten Wort“ (164) geworden, das keiner weiteren Erklärung bedürfe und seinen konkreten Entstehungskontext transzendiere.
Marius Hildebrand (HIL)
M. A., Politikwissenschaftler, Doktorand, Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.35 | 2.333
Empfohlene Zitierweise: Marius Hildebrand, Rezension zu: Christine Kohlmayr: Das geflügelte Wort von der Banalität des Bösen. Marburg: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/33879-das-gefluegelte-wort-von-der-banalitaet-des-boesen_40597, veröffentlicht am 21.07.2011.
Buch-Nr.: 40597
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M. A., Politikwissenschaftler, Doktorand, Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Universität Hamburg.
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