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/ 05.06.2013
Jürgen Elsässer

Braunbuch DVU. Eine deutsche Arbeiterpartei und ihre Freunde

Hamburg: Konkret Literatur Verlag 1998 (Konkret Texte 17); 139 S.; 19,80 DM; ISBN 3-930786-18-4
Spätestens seit der Wahl in Sachsen-Anhalt ist die Zunahme rechtsradikaler Wählerschaft deutlich sichtbar geworden. Wählte schon in Hamburg jeder fünfte männliche Jugendliche rechtsradikale Parteien, so wurde die DVU in Sachsen-Anhalt bei dieser Personengruppe zur dominierenden Kraft. Mit 38 Prozent erhielt sie unter männlichen Jungwählern mehr Stimmen als CDU, SPD und Grüne zusammen. Elsässer faßt in seinem Braunbuch die neuesten Daten zu Wählerschaft, Parteiprogramm und Geschichte der DVU zusammen. Darüber hinaus erhebt er den Anspruch, eine Analyse der rechtsradikalen Konjunktur zu liefern, die bis in die nationalsozialistische Vergangenheit zurückreicht. Sein Plädoyer für ein stärkeres staatliches Durchgreifen gegen rechtsradikale Gewalt erklärt er damit, daß dieser nur allzu häufig mit akzeptierender Jugendarbeit begegnet werde. Die Errichtung neuer Jugendzentren böte den Jugendlichen dabei erst die Plattform für ihre - staatlich geduldeten - rechtsradikalen Aktivitäten. Während gegen Gewalt von links mit Härte vorgegangen werde, zeige sich die Öffentlichkeit unverhältnismäßig verständnisvoll gegenüber rechten Straftätern, die Asylantenheime in Brand setzten oder (vermeintliche) Ausländer zu Tode hetzten. Zu Recht kritisiert Elsässer, daß die immer wieder angeführten wirtschaftlichen Gründe allein noch keinen Rassismus oder Antisemitismus hervorbringen. Denn Frauen und Rentner als die eigentlichen wirtschaftlichen Verlierer der Wiedervereinigung zählten z. B. nicht zur typischen Wählerschaft der DVU. Dagegen werde die ideologische Fundierung rechtsradikaler Haltungen verharmlost. Historisch berechtigt ist auch Elsässers Hinweis auf die sozialistischen Elemente in rechten Theorien. Schon in der Weimarer Republik verbanden Theoretiker im Kreis der sogenannten "Konservativen Revolution" ihre nationalistischen Theorien mit antikapitalistischen Forderungen. Ob der Anitsemitismus des "dummen Kerls", wie Elsässer ihn nennt, dagegen in erster Linie ein fehlgeleiteter Aufstand gegen die kapitalistischen Ausbeuter sei, ist hingegen fraglich. Problematisch werden Elsässers Analysen vor allem im sich psychoanalytisch gerierenden Teil seiner Analyse. Wilhelm Reichs Theorie aus den 30er Jahren wird herangezogen, um zu belegen, daß verdrängte Kindheitssexualität zu rechtsradikalen bzw. soldatische Strukturen affirmierenden Ersatzbefriedigungen führte. Etwas zu schnell wird die Verbindung von rechtsextremen Fallbeispielen zu massenpsychologischen Erklärungsmustern gezogen. Für die Gewaltausbrüche eines rechtsradikalen Jungen wird so seine "symbiotische Mutterbindung" oder gar die "emotionslose, dominante Mutter" verantwortlich gemacht. Hier werden alte Rollenbilder versteckt wiederbelebt. Der Vater hat "integer" zu sein, die Mutter ist idealtypischerweise "emotional" und nicht dominant. Und natürlich muß die Kleinfamilie komplett sein, damit die Kinder nicht psychotisch werden, denn als solche sind sie, laut Elsässer, so gut wie rechtsradikal oder zumindest "gemeingefährlich" (79). Daß nebenbei auch noch die deutsche Sonderwegsthese wiederbelebt wird und Elsässer ein allzu gehemmtes Sexualleben (was im übrigen mit Statistiken bewiesen wird, in denen von Frauen die Qualität der sexuellen Beziehungen untersucht wird, von Männern dagegen nur die Quantität derselben) für nationalistische Stimmungen verantwortlich macht - schließlich "wurzelt" der Nationalismus in der Mutterbindung, Stichwort "Ödipuskomplex" (88) -, läßt auch die psychoanalytisch interessierte HistorikerIn oder PolitologIn zumindest schlucken.
Claudia Bruns (CB)
Dr., Historikerin.
Rubrizierung: 2.3312.37 Empfohlene Zitierweise: Claudia Bruns, Rezension zu: Jürgen Elsässer: Braunbuch DVU. Hamburg: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/8140-braunbuch-dvu_10752, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 10752 Rezension drucken
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