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/ 04.06.2013
Tobias Wunschik

Baader-Meinhofs Kinder. Die zweite Generation der RAF

Opladen: Westdeutscher Verlag 1997; 514 S.; kart., 58,- DM; ISBN 3-531-13088-9
Mit dem Begriff zweite Generation benennt der Autor diejenigen RAF-Terroristen, welche in der Zeit von 1977-1979 aktiv waren und die Sicherheit der Bundesrepublik stärker als die erste oder nachfolgende Generationen bedrohten. Wunschik widmet sich den Triebfedern ihres terroristischen Handelns, fragt nach den Ideen, die sie prägten, den sozialen und politischen Verhältnissen und den Elternhäusern, denen sie entstammten, nach dem Einfluß "ihrer Ziehväter" aus der ersten Generation und danach, wer zur "vielbeschworenen 'geistigen Verwandtschaft'" (11) zu zählen ist. Entsprechend versteht der Autor seine Studie als einen "politikwissenschaftlichen Vaterschaftstest" (12). Die Arbeit besteht aus einem theoretischen und einem empirischen Teil: Zunächst stellt Wunschik die bislang von der sozialwissenschaftlichen Forschung entwickelten theoretischen Ansätze zum Phänomen des deutschen Linksterrorismus vor. Bei ihnen handelt es sich vor allem um ideologisch-strategische, biographisch-individualpsychologische, gruppendynamische und interaktionär-sozialpsychologische Ansätze. Im zweiten, empirischen Komplex steht die exemplarische Untersuchung der Entwicklung und Genese der zweiten RAF-Generation im Mittelpunkt, anhand derer Wunschik die zuvor im theoretischen Teil formulierten Thesen überprüft. Der Autor liefert u. a. eine Vielzahl terroristischer Einzelkarrieren sowie - als "'Herzstück' der Studie" - eine "längere Ausführung zur 'Politik' der zweiten RAF-Generation" (15). Ferner untersucht er Ausstiegsprozesse einzelner Mitglieder, die Binnenstrukturen anhand der Dimensionen "Konspiration" und "Diskussion", "Kollektivität" und "Hierarchie" sowie die Außenkontakte der RAF zur linksterroristischen Konkurrenz, zu anderen internationalen Terrororganisationen und zum Staatsicherheitsdienst der DDR. Den Ausschlag für das Entstehen der zweiten Generation führt Wunschik auf den Umstand zurück, "daß die Baader-Meinhof-Gruppe eine Vorreiter- und Vorbildfunktion gegenüber den Unterstützern innehatte". In dieser Position vermochten die Inhaftierten Baader und Meinhof "mit dem Schlagwort der 'Isolationsfolter' [...] Solidarität zu erzeugen und Anhänger zu gewinnen" (422). Diese sammelten sich besonders in den Komitees gegen Folter an den politischen Gefangenen der BRD. "Je stärker der Einzelne involviert wurde, desto stärker lastete auf ihm der moralische Druck, sich gegen die 'Isolationsfolter' zu engagieren und für die Befreiung der Inhaftierten zu kämpfen." (422) Das zunehmend als erfolglos erlebte Bemühen gegen die Haftbedingungen führte zu noch größerem Engagement und zur Radikalisierung, an dessen Ende das völlige Abtauchen in den Untergrund stand. "Die Dynamik dieses Prozesses ließ eine rationale Kalkulation der Folgen dieses Schritts nicht mehr zu, auch der perzipierte polizeiliche Verfolgungsdruck trug seinen Teil dazu bei." (422) Wunschik schließt daher mit dem Fazit: "Wollte man die Komplexität der Ursachen linksterroristischer Gewalt stark verkürzen sowie die Entstehung und Entwicklung der zweiten RAF-Generation in einem Wort beschreiben: Es wären Baader-Meinhofs Kinder." (437)
Detlef Lemke (Le)
Dipl.-Politologe.
Rubrizierung: 2.372.35 Empfohlene Zitierweise: Detlef Lemke, Rezension zu: Tobias Wunschik: Baader-Meinhofs Kinder. Opladen: 1997, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/4619-baader-meinhofs-kinder_6513, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 6513 Rezension drucken
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