/ 22.06.2013
Doris Danzer
Zwischen Vertrauen und Verrat. Deutschsprachige kommunistische Intellektuelle und ihre sozialen Beziehungen (1918-1960)
Göttingen: V&R unipress 2012 (Freunde – Gönner – Getreue. Studien zur Semantik und Praxis von Freundschaft und Patronage 5); 576 S.; 67,90 €; ISBN 978-3-89971-939-0Diss. Freiburg i. Br.; Begutachtung: S. Paletschek, J. Jurt. – Die sozialistische Bewegung beruft sich auf Werte wie Solidarität, Gleichheit und Menschlichkeit und fand aufgrund der schwierigen sozialen Lage und der humanistischen Ziele viele Anhänger, die sich gegenseitig vertrauten, gemeinsam organisierten und für die sozialistischen Ideen kämpften. Die im Namen des Sozialismus angewandten Herrschaftspraktiken hatten jedoch nichts mit einer klassenlosen, egalitären und den Menschen wertschätzenden Gesellschaft zu tun. Allerdings kann das Schweigen darüber beziehungsweise das nur vorsichtige Kritisieren vieler Sozialisten auch als ein Grund dafür gesehen werden, dass trotz des durch die Partei verübten Verrats an den sozialistischen Ideen die stalinistischen Regime in der Sowjetunion und ihrer Satellitenstaaten so lange existierten. Danzer möchte vor dem Hintergrund des Vertrauens innerhalb der sozialistischen Bewegung, aber auch des Verrats der Ideen durch die Partei „nach Gründen für die Faszination des Kommunismus unter Intellektuellen im 20. Jahrhundert“ (18) suchen. Hierfür untersucht die Autorin exemplarisch die Biografien und Beziehungsgeflechte von drei Sozialisten (Arbeiterschriftsteller Willi Bredel, Verleger Wieland Herzfelde und Schriftstellerin Anna Seghers), die alle um 1900 geboren wurden, aber aus sehr verschiedenen Milieus stammen und unterschiedliche Wege in der KPD beschritten. Danzer legt ihrer Analyse zwei zentrale Thesen zugrunde: 1. Soziale Beziehungen spielten eine maßgebliche Rolle für den Eintritt in die Partei und die lebenslange KPD-Zugehörigkeit. 2. Durch die Analyse sozialer Beziehungen sind Rückschlüsse auf die Persönlichkeit und den Charakter, auf das Verhältnis zur Partei und auf individuelle Handlungsspielräume möglich. Für die Untersuchung sozialer Beziehungen beschränkt sich Danzer insbesondere auf Freundschaften (die auf Vertrauen basieren und deren Ende durch Misstrauen, Verdacht oder eben Verrat geprägt sind), um den Charakter sozialer und emotionaler Bindungen sowie die Intentionen der Akteure aufzuschlüsseln. Besonders bemerkenswert ist neben der akribischen Archivarbeit und der Reflexion über Begriffe, ihre Verwendung und deren Bedeutungswandel vor allem Danzers Bemühen, die damaligen Sozialisten aus einer heutigen Sicht nicht pauschal zu verurteilen, sondern ihre Beweggründe und Intentionen durch die Einbettung in den historischen und soziobiografischen Kontext erklärbar zu machen, ohne dabei Inkonsistenzen und Widersprüche im Denken und Handeln außer Acht zu lassen.
Ines Weber (IW)
M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
Rubrizierung: 2.31 | 2.3 | 2.311 | 2.314
Empfohlene Zitierweise: Ines Weber, Rezension zu: Doris Danzer: Zwischen Vertrauen und Verrat. Göttingen: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35145-zwischen-vertrauen-und-verrat_42311, veröffentlicht am 30.08.2012.
Buch-Nr.: 42311
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M. A., Politikwissenschaftlerin (Kommunikationswissenschaftlerin, Psychologin), wiss. Mitarbeiterin, Institut für Sozialwissenschaften, Christian-Albrechts-Universität Kiel.
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