/ 20.06.2013
Jürgen Habermas
Zwischen Naturalismus und Religion. Philosophische Aufsätze
Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2005; 372 S.; kart., 16,80 €; ISBN 3-518-58447-2„Naturalismus“ und „Religion“ markieren für Habermas zwei aktuelle gegenläufige Tendenzen, die schon für sich genommen problematisch sind, die indes in ihrer „geheimen Komplizenschaft“ den Zusammenhalt liberal-demokratischer Gesellschaften gefährden können. Der Naturalismus – an die Fortschritte in Biogenetik und Hirnforschung anschließend – fördert eine Entwicklung, die die Intersubjektivität von alltäglichen Kommunikations- und Handlungszusammenhängen zugunsten einer instrumentalistischen Selbstauffassung beschneidet. Auf der anderen Seite stellt die weltweite Politisierung von religiösen Überlieferungen mit den liberalen Prämissen der Aufklärung die Grundlage der demokratischen Lebensform infrage. In dieser Dissonanz beweist sich, wie voraussetzungsreich das liberale Staatsbürgerethos ist: „Säkularisierung der Staatsgewalt und die positive wie negative Freiheit der Religionsausübung sind zwei Seiten derselben Medaille“ (9). Der moderne Verfassungsstaat kann einen friedlichen religiösen Pluralismus nur deshalb ermöglichen, weil er aufseiten der Staatsbürger immer schon über kollektive Lernprozesse vermittelte Mentalitäten voraussetzt, die der politischen Tugend des zivilen Umgangs miteinander entgegenkommen. Habermas Aufmerksamkeit gilt der Frage, wie aus der Perspektive eines nachmetaphysischen Denkens – das naturalistischen Wissenschaftssynthesen ebenso misstraut wie offenbarten Wahrheiten – der Streit in der weltanschaulichen Polarisierung geführt werden könnte. Auch wenn diese Aufsätze aus den Jahren 2003 bis 2004 keinen systematischen Zusammenhang bilden, so setzen sie sich mit der Thematik teils auf der Ebene der politischen Theorie (Teile II und IV), teils auf der der Epistemologie (Teil III) auseinander. Bei den Abhandlungen 5 („Religion in der Öffentlichkeit“) und 11 („Eine politische Verfassung für die pluralistische Weltgesellschaft?“) handelt es sich um Erstveröffentlichungen.
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.42 | 5.41 | 5.43 | 5.33 | 2.23
Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Jürgen Habermas: Zwischen Naturalismus und Religion. Frankfurt a. M.: 2005, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/24381-zwischen-naturalismus-und-religion_28118, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 28118
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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