/ 20.06.2013
Renate Hürtgen
Zwischen Disziplinierung und Partizipation. Vertrauensleute des FDGB im DDR-Betrieb
Köln/Weimar/Wien: Böhlau Verlag 2005; 353 S.; geb., 42,90 €; ISBN 3-412-14205-0Die Vertrauensleute, die als ehrenamtliche Gewerkschaftler für ein gutes soziales Klima in den Betrieben sorgen sollten, seien so unwichtig gewesen, schreibt Hürtgen, dass sie seitenlang in dieser Studie nicht vorkämen. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam hat damit keineswegs ihr Thema verfehlt. Vielmehr gelingt es ihr am Beispiel der Vertrauensleute Pars pro Toto zweierlei zu zeigen: den Bedeutungswandel und -verlust gewerkschaftlicher Arbeit in der DDR sowie Herrschaftsmechanismen in einer Diktatur. Bis zum Aufstand am 17. Juni 1953 wurde immer wieder versucht, an Erfahrungen der autonomen Arbeitervertretung aus der Zeit vor 1933 anzuknüpfen. Mit der Niederschlagung des Aufstandes offenbarte sich der Charakter des Regimes, in den Sechzigerjahren gerieten die Gewerkschaftler dann auch im Betriebsalltag ins Hintertreffen. Sie wurden zu Erfüllungsgehilfen des SED-Regimes und zur Anlaufstelle vor allem für sozial Schwächere. Zur Aufgabe der Vertrauensleute, zu denen zunehmend Frauen zählten, gehörte es, für einen konfliktfreien Arbeitsalltag zu sorgen – über Kompetenzen verfügten sie nicht. Die Autorin schildert auf der Grundlage von Interviews, wie wichtig diese Funktion für manche war – sie fühlten sich näher an den Entscheidungsprozessen. Dieser Eindruck entsprach nicht der Realität, erfüllte aber eine herrschaftsstabilisierende Funktion. Da die Ideologie keinen Gegensatz zwischen Beschäftigten und staatlicher Leitung vorsah, konnten auftretende Konflikte aber nicht thematisiert werden. Wer dies dennoch tat, wurde oft nicht wiedergewählt. Im Ergebnis gehörten in der späten DDR solidarische, kollektive Aktionen nicht mehr zum Erfahrungsschatz der Arbeiter, der Einzelne stand der Diktatur allein gegenüber. Ohne die Möglichkeit einer Mitbestimmung und angesichts einer immer erfolgloseren Sozial- und Wirtschaftspolitik hätten die meisten Bürger dem Regime illoyal gegenüber gestanden und mit der Reformpolitik Gorbatschows die Gunst der Stunde zum Sturz der SED genutzt.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.314
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Renate Hürtgen: Zwischen Disziplinierung und Partizipation. Köln/Weimar/Wien: 2005, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/23365-zwischen-disziplinierung-und-partizipation_26796, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 26796
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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