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/ 05.06.2013
Gabriel Jackson

Zivilisation und Barbarei. Europa im 20. Jahrhundert. Aus dem Englischen von Udo Rennert

Frankfurt a. M./Leipzig: Insel Verlag 1999; 560 S.; geb., 68,- DM; ISBN 3-458-16946-6
Der Autor des Buches ist emeritierter Professor für Europäische Geschichte im kalifornischen San Diego und lebt heute in Barcelona. Ausgangspunkt seiner Bestandsaufnahme des von ihm weitgehend miterlebten (*1921) Jahrhunderts ist die im Titel ausgedrückte Janusköpfigkeit unseres Kontinents: "Welches waren die Ursachen der Bösartigkeit Stalins und Hitlers? Des schöpferischen Reichtums Einsteins und Picassos? Der moralischen Ernsthaftigkeit Bertrand Russells und Boris Pasternaks?" (10) Diese Fragen sind für Jackson die Herausforderung zu einer "moralischen Untersuchung" (10), die Europa als Kultur versteht und nach seinen bleibenden Leistungen fragt; nicht in Form einer chronologischen Gesamtdarstellung, sondern als "ein Buch der Synthese und der Interpretation" (11). Neben den politischen Ereignissen geht er literarischen, künstlerischen und musikalischen Entwicklungen Europas ebenso nach wie dem Aufschwung der Wissenschaft - im Grunde ist das Buch optimistisch und von einem sich liberal-fortschrittlich verstehenden Impetus gekennzeichnet. Dies führt gelegentlich zu scharfen Kennzeichnungen; wenn der Autor den Abwurf der Atombombe durch Truman "buchstäblich als ein Kriegsverbrechen" (277) bezeichnet und hinzufügt, dies zeige, daß "ein psychisch gesunder, demokratisch gewählter Präsident die Waffe in derselben Weise benutzen konnte, wie Hitler sie benutzt hätte" (277), dann sind dies moralische Verdammungen, aber nicht nüchtern-historische Urteile. Bei der Vielfalt der angerissenen Themenbereiche bleibt es nicht aus, daß einzelne Fehler im Detail unterlaufen, die, sofern sie sich auf Deutschland beziehen, der kritischen Durchsicht des Verlages und seines historischen Beraters offenbar entgangen sind. Das ist etwas ärgerlich, zumal diese Fehler einfach zu entdecken sind. So kann man beim Waffenstillstand am Ende des Ersten Weltkriegs nicht von einer bedingungslosen Kapitulation sprechen (96 f.), und der Reichstag des Kaiserreiches wurde nicht durch ein Wahlrecht gewählt, "das den wohlhabenderen Schichten mehr Stimmen gab" (99) - offenbar ist hier das preußische Abgeordnetenhaus gemeint, aber im technischen Sinne richtig ist es auch dann nicht. Somit bleibt ein etwas zwiespältiges Bild zurück.
Michael Dreyer (MD)
Prof. Dr., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.612.622.252.232.31 Empfohlene Zitierweise: Michael Dreyer, Rezension zu: Gabriel Jackson: Zivilisation und Barbarei. Frankfurt a. M./Leipzig: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/8114-zivilisation-und-barbarei_10722, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 10722 Rezension drucken
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