/ 21.06.2013
Gerhard A. Ritter
Wir sind das Volk! Wir sind ein Volk! Geschichte der deutschen Einigung
München: C. H. Beck 2009 (Beck'sche Reihe 1937); 191 S.; 12,95 €; ISBN 978-3-406-59208-9Der Historiker bietet eine kurze und dennoch prägnante Geschichte der deutschen Einigung. 1990, so schreibt Ritter einleitend, „war Teil einer großen Zäsur der europäischen und der Weltgeschichte, deren Bedeutung mit der der Französischen Revolution von 1789 […] vergleichbar ist“ (7). Als wichtigen Punkt sieht der Autor das Abrücken der Sowjetunion von der Breschnew-Doktrin. Mit der Anerkennung des Selbstbestimmungsrechts eines jeden Volkes sei der Einheitsprozess kaum aufzuhalten gewesen. Als Gründe für die veränderte Haltung der Sowjetunion identifiziert Ritter verschiedene Aspekte. Nicht nur sei das westliche Bündnis geschlossen aufgetreten, auch die Staaten des Warschauers Paktes hätten bereits im Januar 1990 die deutsche Einigung akzeptiert. Hinzu sei die wirtschaftliche Schwäche der UdSSR gekommen. Man könne zwar nicht sagen, so Ritter, die UdSSR habe die deutsche Einheit verkauft, aber die finanziellen Leistungen von 57,3 Milliarden Mark zwischen 1989 und Frühjahr 1991 seien erheblich gewesen. Neben der internationalen politischen Konstellation wirft er auch jeweils einen Blick auf die relevanten Politikfelder des Einigungsprozesses, auf die Sozial-, Wirtschafts-, Finanz- und Verfassungspolitik. Was die finanziellen Konsequenzen der Einheit angeht, sieht Ritter den „wohl bedeutendsten Fehler […] in der Finanzierung von wesentlichen Kosten der Einigung über die […] Arbeitslosen- und Rentenversicherung“ (95). Nicht nur seien die unteren und mittleren Schichten der Bevölkerung überproportional belastet worden, es habe sich eine Teufelsspirale aus hohen Sozialausgaben und Arbeitslosigkeit in Gang gesetzt. Zudem hätte man die Schulden der Ostbetriebe streichen, die Löhne nicht sogleich anheben und die Verzögerung von Investitionen durch die ungeklärten Rechtsverhältnisse vermeiden müssen. Gleichwohl hält der Autor fest, dass auch im Osten die Vermögen zugenommen haben. Auch helfe ein Blick auf andere osteuropäische Transformationsländer, den realistischen Blick für das Erreichte zu schärfen. So sieht Ritter diese Geschichte als deutsche „Sternstunde“ und erachtet die Errichtung eines nationalen Freiheits- und Einheitsdenkmals als „überfällig“ (8).
Timo Lüth (TIL)
Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.315 | 2.314
Empfohlene Zitierweise: Timo Lüth, Rezension zu: Gerhard A. Ritter: Wir sind das Volk! Wir sind ein Volk! München: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/31330-wir-sind-das-volk-wir-sind-ein-volk_37285, veröffentlicht am 01.12.2009.
Buch-Nr.: 37285
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Student, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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