/ 11.06.2013
Albrecht Koschorke / Cornelia Vismann (Hrsg.)
Widerstände der Systemtheorie. Kulturtheoretische Analysen zum Werk von Niklas Luhmann
Berlin: Akademie Verlag 1999; 222 S.; geb., 64,- DM; ISBN 3-05-003477-7Der provozierend universalistische Anspruch der Systemtheorie - zumal in der Fassung, die Luhmann ihr gegeben hat - ist bekannt und hat in der Vergangenheit vielfach heftige Abwehrreaktionen bei tradierten sozialwissenschaftlichen Ansätzen ausgelöst. Aber in dem Maße, in dem Luhmanns Werk gleichsam kanonisiert wurde - nicht zuletzt in Gestalt lexikalischer Erschließungen seiner begrifflichen Architektur - scheint auch ein gelassenerer Umgang mit diesem Werk möglich. Jedenfalls sind die Beiträge dieses Bandes nicht vorrangig darauf gerichtet, Inkonsistenzen der Theorie aufzudecken, sie interessieren sich vielmehr für Phänomene, die eher in Grenzbereichen der systemtheoretischen Perspektive liegen. Für eine Theorie, deren größte Leistung - wie Teubner formuliert (209) - darin zu sehen ist, "die bisher plausibelste Konstruktion der Autonomie des Sozialen angeboten zu haben", gehören kulturelle Phänomene offensichtlich in diese Grauzone des begrifflich schwer Bestimmbaren. Denn Kultur sei - so zitiert Baecker eine Formulierung Luhmanns - "die Summe aller Unentscheidbarkeiten" (38). In der Tat bewegen sich die Beiträge an den Rändern der Systemtheorie, insofern sie - von einer kulturtheoretischen Intention ausgehend - nach den Grenzen der Übersetzbarkeit kultureller Gehalte in die systemtheoretische Modellierung fragen. Da diese immer schon funktionierende Systeme voraussetzt, werden von ihr Fragen der Herkunft (bzw. Entstehung) vernachlässigt. Diesen "latenten Dezisionismus" (12) Luhmanns zeigen die Autoren - durchgängig sehr anregend auch für Leser, die keine Anhänger der Systemtheorie sind - etwa an formalen Affinitäten zu Carl Schmitt, an der Art, wie der Nationalsozialismus nicht thematisiert wird oder daran, daß in der Beobachtung zweiter Ordnung unvermeidliche Subjektivierungseffekte ausgeblendet bleiben. Der Band beruht auf einer Tagung der FU Berlin vom April 1998; die Mehrheit der zwölf Autoren wird von Literatur- bzw. Kulturwissenschaftlern gebildet (nur drei vertreten das Fach Soziologie).
Inhalt: David A. Wellbery: Die Ausblendung der Genese. Grenzen der systemtheoretischen Reform der Kulturwissenschaften (19-27); Dirk Baecker: Unbestimmte Kultur (29-46); Albrecht Koschorke: Die Grenzen des Systems und die Rhetorik der Systemtheorie (49-60); Susanne Lüdemann: Beobachtungsverhältnisse. Zur (Kunst-)Geschichte der Beobachtung zweiter Ordnung (63-75); Rudolf Helmstetter: Der gordische Knoten von Kultur & Gesellschaft und Luhmanns Rasiermesser. Fragen eines fluchenden Ruderers (77-95); Anton Schütz: Luhmanns unheimliches Argument (97-111); Elena Esposito: Das Problem der Reflexivität in den Medien und in der Theorie (113-119); Bernhard J. Dotzler: Unsichtbare Maschinen - Irritationsbestände aus der Geschichte der Kybernetik erster Ordnung (121-132); Friedrich Balke: Dichter, Denker und Niklas Luhmann. Über den Sinnzwang in der Systemtheorie (135-157); Lutz Ellrich: 'Tragic Choices' - Überlegungen zur selektiven Wahrnehmung der Systemtheorie am Beispiel des Nationalsozialismus (159-172); Thomas Wirtz: Entscheidung. Niklas Luhmann und Carl Schmitt (175-197); Gunther Teubner: Ökonomie der Gabe - Positivität der Gerechtigkeit: Gegenseitige Heimsuchungen von System und différance (199-212).
Thomas Mirbach (Mir)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.46 | 5.42
Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Albrecht Koschorke / Cornelia Vismann (Hrsg.): Widerstände der Systemtheorie. Berlin: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/10669-widerstaende-der-systemtheorie_12615, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 12615
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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