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/ 22.06.2013
Volker Kempf

Wider die Wirklichkeitsverweigerung. Helmut Schelsky. Leben, Werk, Aktualität

München: Olzog 2012; 224 S.; hardc., 29,90 €; ISBN 978-3-7892-8335-2
Die Monografie Kempfs ist tatsächlich „mehr als eine Biografie“ (193), denn er unternimmt zugleich eine Rekonstruktion von Schelskys Werk. Ferner sucht er nach Möglichkeiten, dieses zu aktualisieren, indem Schelskys Argumente für aktuelle Diskussionen fruchtbar gemacht werden. Als „Humboldtianer zweiter Stufe“ (176) sah dieser in der Einsamkeit und Freiheit von Forschung und Lehre zentrale Voraussetzungen für die Hochschulen, die es auch gegen Partikularinteressen und Funktionäre zu verteidigen gelte. Demgegenüber stellt Kempf fest, dass sich ein Teil der Universitätslehrer heutzutage dadurch auszeichne, eher Managerqualitäten zur Koordinierung von Einzelleistungen als „Nachdenklichkeit und zweckfreie Wahrheitsliebe“ (178) zu besitzen. Mit Rekurs auf Schelskys Kritik an den linken Intellektuellen und deren Sprachherrschaft geht Kempf sodann gegen die Gender Studies vor. Man mag über Sinn und Unsinn eines Zeitgeistes trefflich debattieren, der – gekleidet in den Mantel der Gleichstellung – in jeder Randgruppe das verlorengegangene Potenzial des Proletariats zu finden hofft. Die Befürchtungen Kempfs vor einem vermeintlich neuen Marsch durch die Institutionen erscheinen hingegen deutlich überzogen, obgleich gerade die geschlechtsneutrale, stilistisch und grammatikalisch bisweilen holprige Sprachregelung bereits Einzug in Universitäten und Behörden gehalten hat. Kempfs Argumentation gipfelt darin, dem Verbot linker Globalisierungskritik zugunsten der Äquidistanz das Wort zu reden, anstatt einen Pluralismus der Meinungen zu verteidigen. Dieser antipluralistische Affekt zeigt sich auch an Wortgruppen wie „Beutewert des Staates“ (182), die auf eine Dissertation von Thor von Waldstein zu Carl Schmitt rekurrieren und dem Staat eine Entität zusprechen, die durch plurale Interessengruppen, welche in ihrer Gesamtheit ebendiesen Staat erst zu konstituieren vermögen, zersetzt zu werden droht.
Patrick Stellbrink (PS)
M. A., Politikwissenschaftler, Promovend an der TU Chemnitz.
Rubrizierung: 5.465.422.313 Empfohlene Zitierweise: Patrick Stellbrink, Rezension zu: Volker Kempf: Wider die Wirklichkeitsverweigerung. München: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35295-wider-die-wirklichkeitsverweigerung_42511, veröffentlicht am 19.07.2012. Buch-Nr.: 42511 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
CC-BY-NC-SA