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/ 20.06.2013
Ralf Dahrendorf

Versuchungen der Unfreiheit. Die Intellektuellen in Zeiten der Prüfung

München: C. H. Beck 2006; 239 S.; Ln., 19,90 €; ISBN 3-406-54054-6
Dahrendorf interessiert sich dafür, warum einige Intellektuelle im letzten Jahrhundert nicht den Versuchungen von Faschismus und Kommunismus erlagen. Wie widerstanden bedeutende Denker wie Popper, Berlin oder Aron der Unfreiheit? „Es ist also die Rede von öffentlichen Intellektuellen als Zeugen des liberalen Geistes in Zeiten der Prüfung.“ (25) Dahrendorf fasst sie zu einer gedachten Gruppe zusammen, der Societas Erasmiana, und sieht sie in der Tradition des Erasmus von Rotterdam, eines frühen Repräsentanten des liberalen Geistes. In den ersten beiden Kapiteln analysiert Dahrendorf ebenso kurz wie treffend, warum Intellektuelle sich vom Faschismus bzw. vom Kommunismus angezogen fühlten. Dabei hebt er besonders ihren Charakter als Ersatzreligion und die Suche nach Bindung in unruhigen Zeiten hervor. Er betont allerdings auch, dass die meisten der Versuchung nur für kurze Zeit erlagen. Umso heller strahlt der Stern derjenigen Denker, die sich gar nicht erst in Versuchung führen ließen. Hin und wieder beschleicht den Leser das Gefühl, dass Dahrendorf in erster Linie seinen „väterlichen Freunden“ (40), die er alle gut kannte, eine Art Denkmal setzten wollte. Aron, Popper und Berlin bilden den Kern einer Art Ritterorden der Liberalität; sie erscheinen als Gelehrte, die beispielhaft die Kardinaltugenden der Freiheit als öffentliche Intellektuelle verkörperten: Mut, Gerechtigkeit, Besonnenheit, Weisheit. Andere fallen für Dahrendorf dagegen ab: So habe Sartre gegenüber den Versuchungen der Unfreiheit auf der ganzen Linie versagt: „Wo es diese gab, erlag Sartre ihnen.“ (190) Dahrendorf singt das hohe Lied des einsamen Intellektuellen: „Erasmier sind eben Einzelkämpfer“ (88). Auch heute noch sieht er einen Bedarf dafür, wenngleich die Versuchungen der Unfreiheit schleichend daherkommen. Dahrendorf schreibt wie stets mit beeindruckender Klarheit und scheut auch vor deutlichen Urteilen nicht zurück. Lehren für die Gegenwart kann man aus dem Buch jedoch kaum ziehen. Dahrendorf konzentriert sich eher auf Personen als auf politische oder gesellschaftliche Bedingungen der Freiheit.
Walter Rösch (WR)
M. A., Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 1.35.46 Empfohlene Zitierweise: Walter Rösch, Rezension zu: Ralf Dahrendorf: Versuchungen der Unfreiheit. München: 2006, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/25565-versuchungen-der-unfreiheit_29654, veröffentlicht am 25.06.2007. Buch-Nr.: 29654 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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