/ 12.06.2013
Rainer Karlsch / Zbynek Zeman
Urangeheimnisse. Das Erzgebirge im Brennpunkt der Weltpolitik 1933-1960
Berlin: Ch. Links Verlag 2002; 320 S.; brosch., 19,90 €; ISBN 3-86153-276-XDie Sowjetunion benötigte für den Bau einer eigenen Atombombe Uran. Vorkommen von Uranerz fand sie kurz nach Kriegsende im tschechischen und deutschen Erzgebirge. Die Autoren - Karlsch arbeitet am Institut für Wirtschaftspolitik und -geschichte der FU Berlin, Zeman ist Professor für europäische Geschichte in Oxford - konzentrieren sich auf das tschechoslowakische Nationalunternehmen Jáchymov und die Wismut AG in Ostdeutschland. Die Sowjetunion kontrollierte beide Unternehmen, und in beiden Fällen hatte der Uranerzabbau weitreichende Konsequenzen. Prag habe 1945 mit einem geheimen Uranvertrag einen industriellen Schlüsselbereich an Moskau übergeben, sich der Einflussnahme preisgegeben und einen außenwirtschaftspolitischen Keil zwischen sich und die traditionellen Handelspartner im Westen getrieben. Die Autoren vertreten die These, dass die Uranindustrie den vielleicht wichtigsten Hebel für die Sowjetisierung der tschechoslowakischen Gesellschaft geboten habe. Der hohe Arbeitskräftebedarf hatte zudem einen weiteren Effekt: Nach der Vertreibung der Deutschen aus dieser Region ließen sich nicht genug Freiwillige anwerben. Um aber den Arbeitskräftebedarf zu decken und damit den sowjetischen Forderungen hinsichtlich der Fördermengen nachzukommen, wurde ein "tschechoslowakischer Archipel Gulag" (126) errichtet und bis 1953 in insgesamt 18 Lagern Häftlinge für den Uranerzabbau eingesetzt. Das Lagersystem wurde 1960 aufgelöst. Ein ähnlicher Arbeitskräftemangel bestand anfangs für die Wismut AG, ursprünglich als sowjetisches Eigentum nach deutschem Aktienrecht gegründet. Zwar scheiterte der Einsatz von Häftlingen. Es wurde aber versucht, mittels Zwangsrekrutierungen die Lücke zu schließen. Dies habe 1947/48 eine Fluchtwelle ausgelöst. Erst als die DDR-Behörden die Wismut-Beschäftigten höher entlohnten und sie vor allem besser mit Lebensmitteln versorgten, stieg die Zahl der freiwillig Beschäftigten. Über die Gesundheitsrisiken durch die radioaktive Strahlung wurden sie nicht informiert. Die Uranerz-Förderung im Erzgebirge ist mittlerweile eingestellt worden.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 4.2 | 2.62 | 2.314
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Rainer Karlsch / Zbynek Zeman: Urangeheimnisse. Berlin: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/14177-urangeheimnisse_19801, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 19801
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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