/ 22.06.2013
Micha Brumlik / Karol Sauerland (Hrsg.)
Umdeuten, verschweigen, erinnern. Die späte Aufarbeitung des Holocaust in Osteuropa
Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2010 (Wissenschaftliche Reihe des Fritz Bauer Instituts 18); 257 S.; 29,90 €; ISBN 978-3-593-39271-4Der Holocaust wurde im sozialistischen Osteuropa nur wenig thematisiert, so der Tenor in den Beiträgen dieses Bandes, und geschichtspolitisch einseitig gedeutet. Die ermordeten Juden wurden, in einer Fortschreibung des Vorkriegsantisemitismus in diesen Ländern, allenfalls noch zur Legitimierung der nach 1945 neu etablierten Regime gebraucht. Allerdings – und das war die Bedingung dafür, dass ihrer gedacht wurde – wurden sie in das Volk, das als Ganzes als Opfer gesehen wurde, eingereiht und damit namenlos gemacht. Dieser Befund trifft insbesondere auf Polen zu, dem die Hälfte der Beiträge gewidmet ist – „dem Land, in dem vor 1939 die meisten europäischen Juden lebten und in dem die Shoa unmittelbar stattfand“ (19). Frank Golczewski kann so auch nur von einem kurzen Aufblühen des jüdischen Lebens in der unmittelbaren Nachkriegszeit berichten, als Juden gezielt in den ehemaligen deutschen Gebieten angesiedelt wurden und ihnen der Aufbau eigener Vereine und politischer Strukturen erlaubt wurde. Diese Blüte fand mit der endgültigen Machtübernahme der Kommunisten ein jähes Ende, es folgten mehrere antisemitische Wellen, bei denen der größte Teil der Juden das Land verließ. Dieser anhaltende Antisemitismus hat sicher auch die Umdeutung des Aufstandes im Warschauer Ghetto 1943, die Beate Kosmala beschreibt, befördert – offiziell betont wurde die angebliche kommunistische Unterstützung. Eben diese Sichtweise führte auf der anderen Seite dazu, den Warschauer Aufstand 1944 der nichtkommunistischen Heimatfront abzutun. Die Solidarność-Bewegung erst habe den unterlassenen sowjetischen Beistand argumentativ dazu genutzt, der Volksrepublik die Legitimität abzusprechen.
Insgesamt aber haben die ehemaligen sozialistischen Staaten Schwierigkeiten, so Sauerland, sowohl mit ihrer jüdischen Vergangenheit als auch mit der jüngsten Vergangenheit vor 1989 fertig zu werden. Bis ins Jahr 2000 hinein habe es keine eigenen Auseinandersetzungen mit dem Holocaust gegeben, erst seitdem zeigten die internationalen Debatten Wirkung. Bis zur Etablierung eines europäischen Gedächtnisraumes, prognostiziert Brumlik, werde es noch viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.23 | 2.61 | 2.312 | 2.314
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Micha Brumlik / Karol Sauerland (Hrsg.): Umdeuten, verschweigen, erinnern. Frankfurt a. M./New York: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32816-umdeuten-verschweigen-erinnern_39193, veröffentlicht am 24.03.2011.
Buch-Nr.: 39193
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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