/ 19.06.2013
AG Antifa/Antira im StuRa der Uni Halle (Hrsg.)
Trotz und wegen Auschwitz. Antisemitismus und nationale Identität nach 1945
Münster: Unrast 2004; 139 S.; brosch., 13,- €; ISBN 3-89771-428-0Den Beiträgen liegt eine These zugrunde: Durch die Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Holocaust sei der deutsche Antisemitismus nicht ausgelöscht, sondern vielmehr auf eine neue Stufe gehoben worden. Zum einen fungiere die Judenverfolgung und vor allem deren Symbol, Auschwitz, als Begründung eines neuen Antisemitismus, weil die scham- und schuldbesetzte Erinnerung eine ungebrochene Identifikation der Deutschen mit ihrem Heimatland verhindere und somit erneut Hass auf die Juden auslöse. Zum anderen fungiere Auschwitz als Kristallisationspunkt eines neuen Nationalismus, der sich in einem das Land einenden Bekenntnis zur nationalsozialistischen Schuld vollziehe. Damit verbunden seien Versuche, die nationalsozialistische Schuld zu relativieren und darüber die nationale Identität der Deutschen zu stützen. Dazu dienten vor allem der Verweis auf die Gräueltaten in anderen Ländern einerseits sowie auf die Leiden und Opfer der Deutschen andererseits. Immer wieder zeigten sich in den aktuellen politischen Debatten antisemitische Stereotype und Argumentationsfiguren. Selbst die Linke sei nicht gegen einen latenten Antisemitismus gefeit, der sich häufig in antizionistischer Form artikuliere. Auch der antiimperialistische und antikapitalistische Befreiungskampf der Linken im Ganzen trage antisemitische Züge, obwohl „die Juden“ nicht konkret in dem Weltbild vorkämen, das diesem Kampf zugrunde liege. Dies zeige sich beispielsweise in der binären Aufteilung der Welt in Gut und Böse, der Vermutung einer kapitalistischen Weltverschwörung oder der uneingeschränkt positiven Bewertung von als unterdrückte Opfer gefassten „Völkern“, die um ihr Selbstbestimmungsrecht kämpften. Der Sammelband dokumentiert eine studentische Seminar- und Vortragsreihe über „Geschichte und Gegenwart des Antisemitismus“, die 2002/2003 in Halle durchgeführt wurde.
Silke Becker (BE)
Dipl.-Soziologin; freie Journalistin.
Rubrizierung: 2.35 | 2.314 | 2.333
Empfohlene Zitierweise: Silke Becker, Rezension zu: AG Antifa/Antira im StuRa der Uni Halle (Hrsg.): Trotz und wegen Auschwitz. Münster: 2004, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/21001-trotz-und-wegen-auschwitz_24500, veröffentlicht am 25.06.2007.
Buch-Nr.: 24500
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Dipl.-Soziologin; freie Journalistin.
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