/ 11.06.2013
Wolfgang Kersting
Theorien der sozialen Gerechtigkeit
Stuttgart/Weimar: Verlag J. B. Metzler 2000; 412 S.; geb., 78,- DM; ISBN 3-476-01752-4Kerstings Studie - mit der er ausdrücklich auch von eigenen früheren Arbeiten abrückt, in denen er egalitäre Positionen der politischen Philosophie durchaus noch wohlwollend beurteilte - ist zur Hauptsache eine Destruktion von Sozialstaatsbegründungen im Rahmen des egalitären Liberalismus. In dieser Kritik, die zunächst beansprucht, ein spezifisches Legitimationsmodell zu widerlegen, trifft vielfach die Polemik das zu legitimierende Institutionengefüge in einer Weise, die man nur als Denunziation einer politischen Praxis bezeichnen kann; so wenn der Wohlfahrtsstaat nahezu durchgängig als welfaristischer Leviathan (401) oder als Unselbständigkeitsproduzent (399) gekennzeichnet wird, der einer "Strategie der Daseinswattierung" (393) folge, und - befangen in der "hybriden Vorstellung einer Totalverantwortung der Gesellschaft für die Lebenschancen ihrer Mitglieder" (401) ein Betreuungsdickicht (399) errichtet. Dieser Typus der Wohlfahrtsstaats-Kritik ist nicht neu; sie ist in der deutschen Diskussion im Umkreis der sogenannten "Unregierbarkeitsthese" von neokonservativen Autoren schon Anfang der 70er-Jahre vorgetragen worden - übrigens mit ähnlich pauschalierenden Formulierungen.
Wenn es dem Leser gelingt, diesen Hang des Autors zur Philippika beiseite zu lassen, dann schält sich ein immer noch streitbarer, aber doch ernstzunehmender Argumentationsgang heraus, der im ersten - kritischen - Teil zunächst die gleichheitsbezogenen Gerechtigkeitsvorstellungen hauptsächlich von Rawls (68 ff.), Dworkin (172 ff.) und Nagel (280 ff.) zurückweist. Alle Versuche des liberalen Egalitarismus, "dem gerechtigkeitsrelevanten Gleichheitsgedanken über den Rahmen rechtsstaatlicher Antidiskriminierungspolitik hinaus Bedeutung für eine marktkorrektive Verteilung sozio-ökonomischer Güter zu geben", sind - so die These - gescheitert, weil sie einerseits von unzureichenden personentheoretischen Voraussetzungen ausgehen, andererseits eine gerechte Verteilung nur ökonomistisch auslegen können. Weil Kersting jedoch zugleich von der Notwendigkeit einer Wohlfahrtsstaatsbegründung überzeugt ist, grenzt er sich ebenso von Nozicks libertärer Position eines Minimalstaats ab (301 ff.). Im konstruktiven Teil entwickelt er dann als normative Grundlage sozialer Sicherung einen "Liberalismus der politischen Solidarität" (354 ff.), der ausdrücklich nicht universalistisch, sondern auf eine "bestimmte kontingente politische Gemeinschaft" (391) hin angelegt ist. In dessen Rahmen sind Interventionen nur zugelassen, die sich - wie Ausbildungsinvestitionen, einkommensneutrale Grundversorgung und aktive Arbeitsmarktpolitik - am ethischen Konzept der "eigenverantwortlichen Lebensführung und bürgerlichen Existenz" ausrichten (392). Freilich bleiben die vom Autor angeführten, dem Modell entsprechenden Beispiele politisch-praktischer Konsequenzen ebenso plakativ wie - aus anderen Debatten - nur allzu vertraut: Umstellung des Rentensystems auf Kapitaldeckung, ausdifferenzierte Lohnstruktur mit Niedriglohnsegment und einem signifikanten Abstand zwischen Sozialhilfeniveau und Nettolohn für einfache Arbeit.
Inhaltsübersicht: I. Zur Semantik der Verteilungsgerechtigkeit; II. Zur Geschichte der Verteilungsgerechtigkeit; III. Soziale Gerechtigkeit und Differenzprinzip bei John Rawls; IV. Ressourcengleichheit und Verteilungsgerechtigkeit: Ronald Dworkins Interpretation der liberalen Gleichheit; V. Gerechtigkeitsphilosophie und Gesellschaftskritik: Thomas Nagels moralischer Kathedersozialismus; VI. Selbstbesitz, Freiheit und Gerechtigkeit. Robert Nozicks Gerechtigkeitstheorie des absoluten Eigentums; VII. Liberalismus sans phrase I: Verdienstethischer Naturalismus und Entwicklungschancengleichheit; VIII. Liberalismus sans phrase II: Politische Solidarität und Eigenverantwortung.
Thomas Mirbach (Mir)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.42 | 5.41 | 5.44
Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Wolfgang Kersting: Theorien der sozialen Gerechtigkeit Stuttgart/Weimar: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/10796-theorien-der-sozialen-gerechtigkeit_12766, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 12766
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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