/ 18.06.2013
Lew Besymenski
Stalin und Hitler. Das Pokerspiel der Diktatoren. Aus dem Russischen von Hilde und Helmut Ettinger
Berlin: Aufbau-Verlag 2002 (Archive des Kommunismus - Pfade des XX. Jahrhunderts 1); 488 S.; geb., 25,- €; ISBN 3-351-02539-4Den deutschen Überfall auf die Sowjetunion so lange wie möglich hinauszuzögern - mit diesem Motiv erkläre sich die Vorgehensweise Stalins seit der Machtübernahme Hitlers im Deutschen Reich. Detailliert analysiert Besymenski auf der Basis von Interviews mit Zeitzeugen und vor allem von bisher geheimen Dokumenten aus dem persönlichen Archiv Stalins, aus denen er ausführlich zitiert, die Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs aus sowjetischer Sicht. Parallel dazu skizziert er das deutsche Vorgehen. Der Autor selbst war im Krieg Dolmetscher und Aufklärungsoffizier und hat später als Journalist und Historiker gearbeitet, 1999 erhielt er eine Professur für Militärgeschichte. Die Originalausgabe dieses Buches ist 2000 in Moskau erschienen. Zum Themenkomplex gehören die von Stalin initiierten Morde an Führungsoffizieren der Roten Armee, der finnisch-sowjetische Krieg und die Annexion der baltischen Staaten. Im Zentrum steht die Doppelstrategie Stalins gegenüber dem Dritten Reich. Einerseits sei man in der Sowjetunion eindeutig davon ausgegangen, dass ein Angriff der Deutschen nur eine Frage der Zeit sei. Es sei deshalb kaum eine Politbüro-Sitzung vergangen, auf der nicht über die Modernisierung der Armee gesprochen worden sei, die 1942/43 abgeschlossen werden sollte. Stalin habe angesichts dieses Zeitplans den deutschen Überfall für frühestens 1942 vorhergesagt, alles andere wäre für ihn einem Eingeständnis von Fehlern gleich gekommen. Gleichzeitig habe er versucht, durch politische Vereinbarungen wie den Nichtangriffspakt und durch Handel - Deutschland importierte bis kurz vor dem Überfall sowjetisches Getreide - den Kriegsbeginn hinauszuzögern. Besymenski skizziert dabei Stalin als einen Diktator ohne Bezug zur Realität. Und so habe dieser alle Warnungen über den bevorstehenden Angriff, mit dem er grundsätzlich rechnete, ignoriert und sei tatsächlich überrascht gewesen.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.62 | 2.312 | 4.2
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Lew Besymenski: Stalin und Hitler. Berlin: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/17798-stalin-und-hitler_20525, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 20525
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Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
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