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/ 05.06.2013
Walter Süß

Staatssicherheit am Ende. Warum es den Mächtigen nicht gelang, 1989 eine Revolution zu verhindern

Berlin: Ch. Links Verlag 1999 (Analysen und Dokumente; Wissenschaftliche Reihe des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik 15); 815 S.; geb., 58,- DM; ISBN 3-86153-181-X
Warum kam es im Herbst 1989 in der DDR trotz Staatssicherheit und einem hochgerüsteten Militärapparat nicht zu einer "chinesischen Lösung"(14)? Diese Frage steht im Hintergrund dieser zeitgeschichtlichen Studie zur Rolle der Staatssicherheit in den letzten Jahren der DDR. Süß, Fachbereichsleiter in der Abteilung Bildung und Forschung beim Bundesbeauftragten für die Unterlagen der Staatsicherheit und zugleich Redaktionsmitglied der Reihe, in der die Studie erschienen ist, sucht eine Antwort auf diese Frage durch eine Untersuchung der Binnenstrukturen des Machtapparates des SED-Staates. Anhand zahlreicher Quellen aus den Beständen der Gauck-Behörde und des Bundesarchivs, Außenstelle Berlin, bietet er für die Jahre 1987 bis 1989/90 auf gesamtstaatlicher Ebene den Blick in das Innere des Repressionsapparates, d. h. vor allem der Staatssicherheit. Entlang dem Gang der Ereignisse in den späten Jahren der DDR wird gezeigt, wie sich der Handlungsspielraum der SED und damit eng verbunden des MfS als "Schwert und Schild" dieser Partei durch externe wie interne Gründe zunehmend einengte. International geriet die DDR seit dem Umbruch in der Sowjetunion im eigenen Lager in die Isolation, wirtschaftlich war die Abhängigkeit von westlichen Krediten drückend. Der Autor betont, dass der DDR-Führung deshalb für die Zeit nach einer evtl. möglichen gewaltsamen Intervention bei realistischer Einschätzung der Lage jede positive Handlungsmöglichkeit fehlte. Innerhalb des Machtapparates selbst standen sich divergierende Interessen gegenüber. Zudem sank die Bereitschaft - zuerst bei den Kampfgruppen und dann in den Reihen des MfS -, offene Gewalt gegen die eigene Bevölkerung auszuüben, rapide. Mit der im Frühjahr einsetzenden Ausreisewelle begann der verdeckte Kampf um die Mehrheit in der Bevölkerung zwischen der SED und den Gruppen der Bürgerrechtsbewegung. Die Staatssicherheit, die sich nach den gewalttätigen Aktionen der 50er Jahre vor allem auf das geheime Sammeln von Informationen und den punktuellen Einsatz operativer Methoden gegen Einzelne verlegt hatte, besaß im Krisenjahr 1989 unterhalb der Schwelle der Gewalt keine wirksamen direkten Steuerungsmöglichkeiten mehr. Die Mitarbeiter der Stasi gerieten daher im Sommer 1989 in die "Position unangenehm neugieriger und böswilliger, aber weitgehend ohnmächtiger Zaungäste" (744). Die theoretische Möglichkeit, eine offene "Stasi-Diktatur" an die Stelle der sinkenden SED-Herrschaft zu setzen, schied angesichts des ideologischen und mentalen Rüstzeugs der Stasi-Mitarbeiter aus. Da die SED ihren Monopolanspruch am 9. Oktober 1989 faktisch und kurz darauf auch ideologisch aufgab, gab es somit auch für das MfS "keine Schlacht, die sinnvoll noch zu schlagen gewesen wäre" (751). Als im Dezember überall in der DDR die Stasi-Stellen von Bürgerrechtlern besetzt und damit aufgelöst wurden, war der innere Zerfall und die Demoralisierung der Staatssicherheit schon sehr weit fortgeschritten. Aus dem Inhalt: 1. Das Alte Regime in Erwartung der Krise; 2. Polarisierung von Gesellschaft und Parteistaat; 3. "Aktion Jubiläum 40" - ein letzter Versuch repressiver Stabilisierung; 4. Wende von unten - Leipzig 9. Oktober; 5. Rückzugsmanöver und veränderte Repressionstaktik; 6. Die Kraftprobe am 4. November und die Sicherheitsorgane; 7. Entgrenzung und Staatszerfall; 8. Defensive Liberalisierung; 9. Vom MfS zum AfNS; 10. Konfrontation und Kapitulation in den Regionen; 11. Das Ende des AfNS; 12. Übergang zur Demokratisierung und Auflösung der Staatssicherheit;
Antonius Liedhegener (Li)
Dr., wiss. Ass., Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.uni-jena.de/svw/powi/sys/liedhege.html).
Rubrizierung: 2.3142.315 Empfohlene Zitierweise: Antonius Liedhegener, Rezension zu: Walter Süß: Staatssicherheit am Ende. Berlin: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/8358-staatssicherheit-am-ende_11032, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 11032 Rezension drucken
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