/ 22.06.2013
Matthias Müller
Sozialpolitische Innovationen. Zum Konflikt von Strukturen und Deutungsmustern
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2011 (Perspektiven der Sozialpolitik); 283 S.; 39,95 €; ISBN 978-3-531-17977-3Diss. Jena. – In der neueren Sozialpolitikforschung besteht Konsens darüber, dass das Leitbild des versorgenden von dem des aktivierenden Sozialstaats abgelöst ist. Seit den 80er-Jahren hat sich nicht nur hierzulande eine Aktivierungsprogrammatik durchgesetzt, die – unter der Maxime „Fördern und Fordern“ – die Sozialstaatsklientel mit moralischem Druck und Sanktionen zur Beendigung ihrer Transferabhängigkeit führen will. Während dieser Politikwechsel üblicherweise auf der Ebene von Makrodaten, Institutionen und Kollektivakteuren untersucht wird, hat sich der Autor – in deutlicher Abgrenzung zur politikwissenschaftlichen Methodik – für einen wissenssoziologischen Ansatz entschieden. Die theoretische Prämisse seiner Arbeit lautet: Sozialpolitische Innovationen – wie der Wechsel der wohlfahrtsstaatlichen Leitprogrammatik – sind vermittelt über Deutungsmuster, die in sozialen Milieus in unterschiedlicher Weise auf die weithin wahrgenommenen strukturellen Probleme des Sozialstaats reagieren. Über die Durchsetzung von Innovationen entscheidet demnach nicht das explizite, intentionale Wissen von Akteuren, sondern die diesem zugrunde liegenden impliziten Begründungen, die ihrerseits wiederum von sozialen Kontexten geprägt sind. Müller entwickelt zunächst diesen Zugang in theoretischer, methodologischer und methodischer Hinsicht durch intensive Auseinandersetzung mit Bourdieu (primär dessen Habituskonzept) und Oevermann (Deutungsmusteranalyse im Rahmen der objektiven Hermeneutik). Im empirischen Teil werden die Befunde zweier qualitativer, auf Gruppendiskussion beruhender Fallstudien im Sinne einer Rekonstruktion von Deutungsmustern interpretiert. Beide Fälle repräsentieren sozialpolitische Innovationen. Auf der einen Seite geht es um die Akzeptanz des unbedingten Grundeinkommens als normative Alternative zur Arbeitsgesellschaft. Auf der anderen Seite wird die Einführung von Evaluationsverfahren in das Praxisfeld der Sozialen Arbeit als neuer, primär an effizienter Selbststeuerung orientierter Standard thematisiert. Die Arbeit ist ein beeindruckender Beleg für die Fruchtbarkeit wissenssoziologischer Ansätze im Rahmen der Sozialpolitikforschung.
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.342 | 5.42
Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Matthias Müller: Sozialpolitische Innovationen. Wiesbaden: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/34026-sozialpolitische-innovationen_40782, veröffentlicht am 19.01.2012.
Buch-Nr.: 40782
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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