/ 22.06.2013
Thomas Reichel
"Sozialistisch arbeiten, lernen und leben" Die Brigadebewegung in der DDR (1959-1989)
Köln/Weimar/Wien: Böhlau Verlag 2011; 393 S.; geb., 49,90 €; ISBN 978-3-412-20541-6Diss. Potsdam; Gutachter: Chr. Kleßmann. – Für einen kurzen Zeitraum schien es, als ob der Versuch gewagt werden sollte, den Arbeitern in den volkseigenen Betrieben tatsächlich eine Mitbestimmung einzuräumen – und zwar über den Weg eines Leistungswettbewerbs um den Titel „Kollektiv der sozialistischen Arbeit“. Seit Beginn der vom FDGB vorangetriebenen Kampagne 1959 – bei der der Eindruck vermittelt werden sollte, es handele sich um eine Bewegung von unten – bis zum Ende der DDR nahmen Millionen von DDR-Bürgerinnen und Bürgern daran teil. Reichel nennt beispielsweise allein für das Jahr 1988 5,5 Mitglieder in über 300.000 Brigaden (wie die Kollektive erst genannt wurden). Indem er nun ausführlich die Geschichte dieser Kampagne beschreibt, erhellt er für diesen Teilbereich das Spannungsverhältnis zwischen dem totalen Herrschaftsanspruch des Regimes und dem betrieblichen Alltag, verbunden mit der Frage, ob dem politischen Gestaltungsanspruch von oben eben dort unten Grenzen gesetzt wurden. Schnell wird deutlich, dass das vom Regime eingegangene Wagnis, die Brigaden ihre Arbeitsziele formulieren und ihre Leiter selbst wählen zu lassen, den betrieblichen Strukturen widersprach, hatte doch eigentlich der Betriebsleiter die Verantwortung und das Sagen. Reichel zeigt, dass Ulbricht bereits im Frühjahr 1960 der Gefährdung der betrieblichen Hierarchien ein Ende setzte, „noch ehe der Funke auf die Arbeiter in breiterem Maße überspringen konnte“ (320). Aus Sicht der SED war die – nun noch stärker gesteuerte – Kampagne dennoch ein Erfolg, vor allem mit Blick auf die Jugendbrigaden (die nach Reichels Schilderung selten umbenannt wurden und im Laufe der Jahre manchmal immer ältere Mitglieder beheimatete): Gewonnen wurden auf diesem Weg neue, entwicklungsfähige Parteimitglieder. Zu den tatsächlich sinnvolleren Bestandteilen der Kampagne zählt Reichel die Anregung zur beruflichen Weiterqualifizierung. Die von der SED gewünschte Politisierung der Menschen scheint dagegen im Laufe der Jahre immer schwächer geworden zu sein, so gestalteten die Kollektive, die auch für ein sozialistisches Leben stehen sollten, ihre kulturellen Aktivitäten mehr und mehr nach eigenen Interessen, „wobei verschiedenen Formen von Geselligkeit und ungezwungenen Freizeitvergnügungen dominierten“ (329). Das Gesamtfazit dieser Studie fällt allerdings nicht entsprechend harmlos aus, Reichel erkennt die entscheidende Funktion und Leistung der sozialistischen Brigaden beziehungsweise Arbeitskollektive darin, einen Großteil der erwerbstätigen Bevölkerung in das System integriert zu haben. Die Analyse bietet damit einen Baustein zu der Erklärung, warum die DDR über Jahrzehnte existieren konnte.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.314
Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Thomas Reichel: "Sozialistisch arbeiten, lernen und leben" Köln/Weimar/Wien: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32063-sozialistisch-arbeiten-lernen-und-leben_38242, veröffentlicht am 03.11.2011.
Buch-Nr.: 38242
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