/ 22.06.2013
Christian Marazzi
Sozialismus des Kapitals. Aus dem Italienischen von Thomas Atzert
Zürich: diaphanes 2012 (minima oeconomica); 157 S.; 14,90 €; ISBN 978-3-03734-185-8Der Verlag diaphanes hat sich mittlerweile einen Namen damit gemacht, Arbeiten zu ökonomischen Ansätzen abseits des wirtschaftswissenschaftlichen Mainstreams in der Reihe „minima oeconomica“ zu verlegen. Verbunden ist damit nicht zuletzt ein Verständnis der Ökonomie, das wirtschaftliche Prozesse in ihrer geschichtlichen Dimension analysiert und dabei verschiedene – z. B. soziologische und politikwissenschaftliche – Perspektiven einbezieht und so einer verkürzten Betrachtungsweise der Wirtschaft entgeht. Mit dem Buch liegen sechs Artikel und zwei Interviews des italienischen Professors für Wirtschaftswissenschaften Marazzi in deutscher Sprache vor. Wer einen schnellen ersten Einblick in die Thesen von Marazzi bekommen möchte, sollte – mangels einer Einleitung – zunächst die zwei Interviews lesen. Im Mittelpunkt aller Beiträge steht der Wandel seit dem Ende der 1970er-Jahre von einem fordischen Kapitalismus zu einem Finanzkapitalismus. Der Autor spricht in diesem Zusammenhang von einer neoliberalen Wende und von einer Finanzialisierung des Kapitalismus. Das bedeute, dass die Finanzmärkte das Wirtschaftsgeschehen dominierten und der Gewinn im Finanzkapitalismus auf den Finanzmärkten gemacht werde. Marazzi hält dabei die Trennung von Realwirtschaft und Finanzwirtschaft, deren Entkopplung häufig als Grund für die seit 2007 anhaltende Finanz- und Wirtschaftskrise angeführt wird, für falsch, denn diese beiden Wirtschaftsbereiche seien zwei Seiten einer Medaille. Die Finanzialisierung führe zudem zu einer Ausweitung des Eigentums an Produktionsmitteln auf die Arbeitskräfte, indem diese u. a. Anteile in Form von Aktien an den Firmen erwerben. Insofern spricht Marazzi von einem „Sozialismus des Kapitals“ (7) oder einem „Kommunismus des Kapitals“ (23). Neben weiteren zahlreichen interessanten Aussagen über die Entwicklung des Kapitalismus und die Wirtschaftskrisen seit 2000 – wobei Marazzi weitere Krisen in immer kürzeren Abständen prognostiziert – ergeben sich aus den Analysen auch unmittelbar politische Konsequenzen. Es könne mit der Finanzialisierung eine Verschiebung der Souveränität vom Nationalstaat hin zu den globalen Finanzmärkten konstatiert werden, womit eine Schwächung des Nationalstaates und eine strukturelle Krise der Regierbarkeit einhergehe. Der Finanzkapitalismus sei politisch nicht zu kontrollieren, weshalb das Primat der Politik verloren gegangen sei. Zugleich sieht Marazzi nur in dem Begreifen der derzeitigen ökonomischen Strukturen einen Ausweg, die Finanzialisierung zu stoppen und zu einer Autonomie vom Kapital beizutragen.
Jan Achim Richter (JAR)
Dipl.-Politologe, Doktorand, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.42 | 5.45
Empfohlene Zitierweise: Jan Achim Richter, Rezension zu: Christian Marazzi: Sozialismus des Kapitals. Zürich: 2012, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/35027-sozialismus-des-kapitals_42153, veröffentlicht am 07.06.2012.
Buch-Nr.: 42153
Inhaltsverzeichnis
Rezension drucken
Dipl.-Politologe, Doktorand, Universität Hamburg.
CC-BY-NC-SA