/ 20.06.2013
Sinan Özbek
Schriften zur praktischen Philosophie am Beispiel der Türkei. Rassismus, Assimilation, Ehrenmord, Euthanasie, Macht und Moral
Münster: Westfälisches Dampfboot 2011; 166 S.; 19,90 €; ISBN 978-3-89691-874-1In neun eigenständigen Kapiteln unterzieht Özbek gesellschaftliche Phänomene und Kontroversen der modernen Türkei einer Ideologiekritik. Er analysiert die Frage der Integration von sprachlichen Minderheiten, die Diskussion um Euthanasie und Sterbehilfe, die kulturellen Ressourcen des Ehrenmordes sowie den Zusammenhang zwischen Kulturrassismus, Sexismus und türkischem Nationalismus. Obwohl Özbek die Ideen einer sehr heterogenen Gruppe von politischen Theoretikern und Theoretikerinnen integriert, argumentiert er überwiegend aus einer streng marxistischen, ökonomistischen Perspektive. So entpuppen sich sexistische und rassistische Diskurse, die sich in der Türkei insbesondere gegen Aleviten und Kurden wenden, in der Analyse Özbeks als Verdinglichungsstrategien, die im Dienste der ideologischen Reproduktion und Stabilisierung kapitalistischer Ausbeutungsverhältnisse stünden: Sowohl Rassismus als auch Sexismus vernatürlichten die sozialen Verhältnisse; beide Ideologien konsolidierten eine spezifische gesellschaftliche Hierarchie; indem sie Frauen, Minderheiten und Migranten einen spezifischen Platz in der kapitalistischen Produktionsweise zuwiesen. Angesichts der umfassenden ideologischen Manipulation der Bürger und Bürgerinnen verliere das allgemeine Wahlrecht „an Bedeutung“ und werde „inhaltsleer“, da es „den eigenen freien Willen nicht reflektieren“ (151) könne. Die Exegese der sozialtheoretischen Texte, die Özbeks Ideologiekritik unterfüttern, ist an einigen Stellen sehr oberflächlich. So ist der von ihm erhobene, nicht weiter erläuterte Vorwurf, poststrukturalistische Sozialtheorien mündeten in einen „kulturellen Relativismus“ (123 f.), der es uns unmöglich mache, die sozialen Praktiken anderer Kulturen zu kritisieren, schlichtweg falsch. Dass das von Özbek präferierte Rätemodell nach dem Vorbild der Pariser Kommune Gefahr läuft, Unterordnungsverhältnisse jenseits des Ökonomischen hinter dem Schleier einer vermeintlich macht- und herrschaftsfreien Gesellschaftsordnung zu verdecken, wird ebenfalls nicht reflektiert.
Marius Hildebrand (HIL)
M. A., Politikwissenschaftler, Doktorand, Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 2.63 | 2.23 | 2.27 | 5.42
Empfohlene Zitierweise: Marius Hildebrand, Rezension zu: Sinan Özbek: Schriften zur praktischen Philosophie am Beispiel der Türkei. Münster: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/21943-schriften-zur-praktischen-philosophie-am-beispiel-der-tuerkei_40684, veröffentlicht am 12.08.2011.
Buch-Nr.: 40684
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M. A., Politikwissenschaftler, Doktorand, Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Universität Hamburg.
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