/ 18.06.2013
Günther Ortmann
Regel und Ausnahme. Paradoxien sozialer Ordnung
Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2003 (edition suhrkamp 2293); 338 S.; kart., 12,- €; ISBN 3-518-12293-2Ortmanns Buch, das von Regeln und ihrer Anwendung handelt, ist eine faszinierende Studie über das Parsons'sche Problem der Ordnung. Die Antworten der neueren Organisationstheorie, dass und wie Ordnung durch Organisationsbildung erzeugt werden kann, liest der Autor, Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre an der Universität der Bundeswehr Hamburg, aus einer Perspektive, die die theoretischen Ansätze Luhmanns und Derridas verbindet. Innerhalb einer Organisationstheorie, die - auch wenn sie Gefährdungen von Ordnungen untersucht - immer „zur Ordnung hin denkt", muss diese Perspektive irritieren. Denn „Dekonstruktion und Komplexitätstheorie denken Unruhe als die Form der Ordnung, einer Ordnung, die immer prekär bleibt" (17). Die nicht aufhebbare Prekarität sozialer Ordnungen ergibt sich - das ist das zentrale Argument Ortmanns - aus der paradoxen Verschränkung von Regelbefolgung und Regelverletzung. Da Regeln erst in ihrer Anwendung erfüllt werden, jede Anwendung aber die Möglichkeit einer konformen oder nicht-konformen Auslegung eröffnet, gehören „Regelverletzungen zur Textur des Sozialen [...] wie Löcher zum Gewirk von Textilien" (23). Es gehört zu den Stärken des Buches, dass Ortmann zwar durch eine Fülle von Detailanalysen die Normalität von Regelverletzungen und Grauzonen des Regelwidrigen belegt, aber keineswegs für einen (kulturalistischen) „Defätismus gegenüber Regeln und Institutionen" plädiert (27). Das Geschäft der Dekonstruktion soll vielmehr für die Selbstorganisation des Sozialen sensibilisieren.
Aus dem Inhalt: 4. Das Schweigen der Sirenen. Über das eingeschlossene Ausgeschlossene der Organisation; 5. Norm, Interesse, Mimesis. Was gesellschaftliche Ordnung zusammenhält und unterminiert; 6. Zonen des Schweigens. Über die Notwendigkeit und stillschweigende Duldung von Regelverletzungen; 7. Dekonstruktion und Selbstorganisation.
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.42
Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Günther Ortmann: Regel und Ausnahme. Frankfurt a. M.: 2003, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/17578-regel-und-ausnahme_20255, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 20255
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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