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/ 05.06.2013
Dag Javier Opstaele

Politik, Geist und Kritik. Eine hermeneutische Rekonstruktion von Hannah Arendts Philosophiebegriff

Würzburg: Königshausen & Neumann 1999 (Epistemata: Reihe Philosophie 250); 244 S.; brosch., 68,- DM; ISBN 3-8260-1642-4
Politikwiss. Diss. Köln; Gutachter: U. Matz. - Opstaele beschäftigt sich mit dem Spätwerk Arendts, das durch die unabgeschlossene Trilogie zum Denken, Wollen und Urteilen der Forschung noch einige offene Fragen aufgegeben hat. Hinter einem Großteil der Schwierigkeiten im Umgang mit diesen späten Texten steht nach Opstaele im Wesentlichen die Frage des Verhältnisses von Politik und Philosophie im Gesamtwerk Arendts. Die Literatur zu Arendt wertete die Arbeiten zum Denken, Wollen und die Vorstudien zum Urteilen bislang als Kontrast und sogar "Bruch" (Ronald Beiner) zu ihren eher politischen Werken. Die These, "wonach sich Hannah Arendt in 'Das Denken' und der Kant-Vorlesung von ihrem politischen Interessengebiet abwendet, und daß die in diesen posthum herausgegebenen Schriften vollzogenen philosophischen Überlegungen den Grundannahmen ihrer Theorie des 'politischen Handelns' widersprechen", will Opstaele "als unbegründet zurückweisen" (20). Vielmehr seien diese Überlegungen als Ergänzung und sogar theoretische "Vollendung" (20) ihres politischen Werkes zu sehen. Tragendes Element dieser These ist für Opstaele Arendts Unterscheidung zwischen Politischer Philosophie, Politik und theoretischer Philosophie, die er an einer Notiz aus dem bislang unveröffentlichten Nachlass Arendts festmacht, den ihr Assistent Jerome Kohn zitiert. Zur näheren Entfaltung dieser Unterscheidung führt Opstaele eine gründliche hermeneutische Untersuchung der Werke Arendts durch, um "jene Arendtschen Gedanken, die nicht ausgearbeitet vorliegen, sondern implizit in ihren Erörterungen enthalten sind, in ihrer argumentativen Stringenz und inneren Homogenität hermeneutisch aufzudecken, um auf diese Weise zum sachlich gemeinsamen Fundament ihrer Reflexionen, das sie selber aber nicht mehr thematisiert, vorzudringen" (31). Eines seiner dabei gewonnenen Ergebnisse ist, dass "entgegen der bislang gängigen Interpretation von Arendts Begriff der Urteilskraft als eines praktisch-politischen Vermögens, die eigentliche Originalität von Arendts Überlegungen zu diesem Geistesvermögen in ihrer Konzeption der Urteilskraft als Vollzugsorgan der reinen Theorie liegt" (32). Zudem begreife Arendt Philosophie als "eine rein theoretische Tätigkeit, die vom Politischen her, in politischer Weise, auf das Politische hin reflektiert" (216). Opstaele fügt eine Reihe von Belegen zur Plausibilität seiner These an. Der teils weitreichenden Kritik an der bisherigen Literatur hätte gleichwohl auch eine intensive Auswertung des Nachlasses, dessen Bedeutung Opstaele für sein Thema gering schätzt, zusätzliche Gewissheit verliehen.
Manuel Fröhlich (MF)
Prof. Dr., Juniorprofessur für Politikwissenschaft, Universität Jena (www.manuel-froehlich.de).
Rubrizierung: 5.465.42 Empfohlene Zitierweise: Manuel Fröhlich, Rezension zu: Dag Javier Opstaele: Politik, Geist und Kritik. Würzburg: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/8597-politik-geist-und-kritik_11324, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 11324 Rezension drucken
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