/ 11.06.2013
Hartmut Weßler
Öffentlichkeit als Prozeß. Deutungsstrukturen und Deutungswandel in der deutschen Drogenberichterstattung
Opladen/Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 1999; 277 S.; kart., 59,80 DM; ISBN 3-531-13259-8Sozialwiss. Diss. Hamburg; Gutachter: O. Jarren, F. Neidhardt, I. Neverla. - Medien sind für die Willensbildung, für die gesellschaftliche Auseinandersetzung über Problemlagen und -lösungen von hervorragender Bedeutung. Sie vermitteln "Problemdeutungen der gesellschaftlichen Akteure, strukturieren sie nach ihren eigenen Regeln und sie kommentieren sie auf eine Art und Weise, die kommunikative Anschlüsse beim Publikum, aber auch den Akteuren selbst erleichtert" (19). Die Frage, wie dies geschieht, wie die öffentliche Wahrnehmung gesellschaftlicher Probleme und die Auseinandersetzung mit ihnen von den Medien strukturiert wird, steht im Zentrum dieser Studie, die der Autor am Beispiel der bundesdeutschen Drogenfreigabe-Debatte untersucht. Dazu wählt er einen Analyseansatz, der drei Strategien umfasst: Eine akteurs- und situationsübergreifende Rekonstruktion von Deutungsmustern zielt auf die Erfassung der inhaltlichen Dimension der öffentlichen Auseinandersetzung. Unter Deutungsmuster versteht Weßler "Wissensstrukturen, die gesellschaftliche Akteure bei anderen voraussetzen und voraussetzen können" und die die Basis bilden dafür, "daß sich verschiedene Akteure in einer gemeinsamen kommunikativen Welt bewegen" (19). Gegenüber den sich auf den rationalen Gehalt öffentlicher Diskurse beschränkenden Argumentationsanalysen können sie mit dem Vorzug wuchern, auch die "unbegründeten, die unbegründbaren, normativ gesetzten und emotional aufgeladenen Anteile der öffentlichen Auseinandersetzung mit Problemen" (20) einzufangen. Eine deutungsorientierte Analyse der Konfliktstruktur richtet sich auf die soziale Dimension der öffentlichen Diskussion gesellschaftlicher Probleme. "Die Sprecher, die sich [...] äußern, werden durch die Medienberichterstattung einem [...] Lager zugeordnet und ordnen sich durch den Inhalt ihrer Äußerungen zugleich selbst aktiv einem Lager zu." (20) Folglich stellen sie selbst eine Analyseeinheit dar. Schließlich wird noch die zeitliche Dimension des Diskurses untersucht. Hierfür wendet Weßler eine ereignisbasierte Prozessanalyse an, mit der der Verlauf von problembezogenen Diskursen in der Medienöffentlichkeit erschlossen wird: "Die Medienberichterstattung [...] kristallisiert sich durchgängig an bestimmten Ereignissen, die damit den Verlauf medienöffentlicher Diskurse strukturieren[,...woraus sich] Rückschlüsse auf die Rolle der Massenmedien bei der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Problemen ziehen" (20) lassen.
Weßler zielt mit seiner in drei Hauptteile gegliederten Studie, in der er inhaltsanalytisch Beiträge von Printmedien auswertete, darauf ab, "die Konturen einer Theorie medienöffentlicher Diskurse sichtbar werden zu lassen" (20). Er beginnt mit einer Darlegung der öffentlichkeitstheoretischen Grundlagen und zimmert daraus sein Analysemodell. Im zweiten, empirischen Teil folgt die Fallanalyse. Als "Fall" dient die vor gut zehn Jahren beginnende Debatte um die Freigabe von Cannabis und Heroin. Im letzten Teil werden dann die Ergebnisse "theoretisch so reflektiert, daß die Umrisse einer Theorie medienöffentlicher Diskurse deutlich werden" und wird ein Modell eigenständiger Öffentlichkeit der Massenmedien vorgeschlagen, das "spezifische, in der empirischen Analyse gegründete, aber normativ gewendete Forderungen an die Massenmedien erhebt" (22).
Detlef Lemke (Le)
Dipl.-Politologe.
Rubrizierung: 2.333 | 2.343
Empfohlene Zitierweise: Detlef Lemke, Rezension zu: Hartmut Weßler: Öffentlichkeit als Prozeß. Opladen/Wiesbaden: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/9338-oeffentlichkeit-als-prozess_14775, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 14775
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Dipl.-Politologe.
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