/ 17.06.2013
Detlef Bald / Johannes Klotz / Wolfram Wette
Mythos Wehrmacht. Nachkriegsdebatten und Traditionspflege
Berlin: Aufbau Taschenbuch Verlag 2001; 211 S.; 8,50 €; ISBN 3-7466-8072-7Die Autoren knüpfen an die Debatte um eine neue Stellung und Aufgabe des vereinigten Deutschland im Rahmen der veränderten außenpolitischen Konstellation seit Mitte der Neunzigerjahre an. Dabei beziehen sie sich insbesondere auf die Kontroverse um das historische Selbstverständnis beziehungsweise das Verhältnis der so genannten Berliner Republik zur jüngsten deutschen Geschichte. Ausgangspunkt dafür sind die Reaktionen auf die Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" in Öffentlichkeit und Wissenschaft der Bundesrepublik. Der Beitrag "Kämpfe um die Dominanz des Militärischen" untersucht zunächst, welche personelle und programmatische Kontinuität zur Wehrmacht den Aufbau der Bundeswehr ab 1950 prägte, trotz gegenteiliger Absichtserklärungen der politischen Führung unter Bundeskanzler Adenauer. Im Weiteren wird dann die Entwicklung des militärischen Selbstverständnisses der Bundeswehr im Verhältnis zu Staat und Gesellschaft der Bundesrepublik bis 1990 nachgezeichnet, das der Autor weiterhin maßgeblich vom ungebrochenen Bezug auf die Tradition der Wehrmacht bestimmt sieht. Der zweite Beitrag, "Die Bundeswehr im Banne des Vorbildes Wehrmacht", schließt hier an und befasst sich anhand konkreter Beispiele mit der problematischen "Vorbildhaftigkeit" der Wehrmacht angesichts von Forschungserkenntnissen, die seit Anfang der Sechzigerjahre immer deutlicher deren Rolle im NS-Staat und Beteiligung an Kriegsverbrechen aufgewiesen haben. Im dritten Teil unter dem Titel "Die Ausstellung 'Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944'. Zwischen Geschichtswissenschaft und Geschichtspolitik" wird schließlich direkt Bezug genommen auf die im Gefolge der Ausstellung seit 1995 in Bewegung geratene historische Interpretation der Wehrmacht. Hier steht zum einen die Einordnung der Wehrmacht-Debatte in den größeren Kontext der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit im Blickpunkt, die der Autor vor allem durch eine Generation von Historikern, Publizisten und Politikern bestimmt sieht, die unbelastet von persönlichen Erfahrungen mit Krieg und Nationalsozialismus eine Historisierung dieser Geschichtsepoche vorantreiben. Zum anderen werden die konkurrierenden historischen Bewertungen der Wehrmacht im Hinblick auf ihre Funktion für die gegenwärtige Neubestimmung der strategischen Aufgaben der Bundeswehr untersucht.
Michael Hein (HN)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Arbeitsstelle für graphische Literatur, Universität Hamburg, freier Lektor, Übersetzer, Publizist.
Rubrizierung: 2.312 | 2.324 | 2.311 | 2.313 | 2.35 | 2.331
Empfohlene Zitierweise: Michael Hein, Rezension zu: Detlef Bald / Johannes Klotz / Wolfram Wette: Mythos Wehrmacht. Berlin: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/15479-mythos-wehrmacht_17640, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 17640
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Arbeitsstelle für graphische Literatur, Universität Hamburg, freier Lektor, Übersetzer, Publizist.
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