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/ 21.06.2013
Otto Depenheuer (Hrsg.)

Mythos als Schicksal. Was konstitutiert die Verfassung?

Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2009; 208 S.; brosch., 24,90 €; ISBN 978-3-531-16936-1
Der Sammelband geht auf die gleichnamige, im Januar 2008 abgehaltene Tagung der Hanns Martin Schleyer-Stiftung zurück und enthält rechts-, kultur- und geschichtswissenschaftliche Beiträge zur Wirkungsmächtigkeit politischer, staatlicher und verfassungsrechtlicher Mythen. Das Problem, ob angesichts der heute häufig als krisenhaft empfundenen Moderne eine Rückkehr zum Mythos bevorstehe, bildet die Leitfrage des Buches. Insbesondere der Herausgeber empfindet die Suche nach einem wahren Mythos angesichts einer konstatierten „Diktatur des Relativismus“ (Benedikt XVI.) als durchaus attraktiv. Kurzerhand heißt es, dass sich Logos und Rationalität – d. h. politisch: die liberale Staatslehre – als Illusion erwiesen haben. Der Mensch sei nicht an Aufklärung, sondern an „einer letzen Idee: dem Frieden, dem Heil, der Wahrheit“ (18) interessiert, deren sinn- und ordnungstiftende Einheit der bloße Formalismus des aufklärerisch-rationalistischen Denkens nicht bieten könne. Entgegen seiner Selbstversicherung, ihm gehe es um die behutsame Begleitung des Mythos, um ihn vor seinem Missbrauch zu schützen, kann Depenheuer aufgrund des von ihm selbst diagnostizierten Ausschließlichkeitsanspruchs von Mythos bzw. Aufklärung dieses Anliegen nicht weiter konkretisieren. Es ist darauf hinzuweisen, dass kaum ein Autor des Bandes eine solche modernitätsskeptische und dezidiert an Carl Schmitt orientierte Position teilt. So verweisen etwa Harald Biermann und Thomas Butz anhand des Denkmalkults im Zweiten Kaiserreich sowie der Rezeption deutscher Mythen im 19. Jahrhundert mit Blick auf die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts auf plausible Gründe, weshalb politische Mythen heute diskreditiert sind. Insbesondere Uwe Volkmanns Beitrag liest sich stellenweise als Erwiderung zum einleitenden Text des Herausgebers, wenn er in seiner profunden Analyse mit Rückgriff auf Roland Barthes dem Mythos die dreifache Tendenz zur Deformation, Vereinfachung und Unterwerfung attestiert. Schließlich heißt es bei Gerd Roellecke aus Luhmann’scher Perspektive prägnant: „Verfassungen benötigen also keine Mythen“ (183).
Frank Schale (FS)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 2.32.312.325.41 Empfohlene Zitierweise: Frank Schale, Rezension zu: Otto Depenheuer (Hrsg.): Mythos als Schicksal. Wiesbaden: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/31713-mythos-als-schicksal_37788, veröffentlicht am 10.03.2010. Buch-Nr.: 37788 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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