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/ 21.06.2013
Martin Sabrow (Hrsg.)

Mythos "1968"

Leipzig: Akademische Verlagsanstalt 2009 (Helmstedter Colloquien 11); 125 S.; brosch., 13,- €; ISBN 978-3-931982-64-5
Was haben die Studentenbewegung und die 68er zur politischen Kultur der Bundesrepublik beigetragen? Im September 2009 diskutierten auf den 14. Helmstedter Universitätstagen namhafte Historiker dieses Problem. Wie Sabrow sehen auch Rödder und Gilcher-Holtey die Wirkung der Studentenbewegten weniger in der Durchsetzung politischer Programme oder in der erfolglos gebliebenen Verhinderung der Regierungspolitik (Notstandsgesetze). Die Selbstreflexion der 68er über das Scheitern ihrer Utopien am Ende des kurzen Traums immerwährender Prosperität habe aber das Ende der klassischen Moderne eingeleitet. Vielleicht erklärt sich daraus auch, dass die Generation der Studentenbewegung die letzte Generation war, die nicht nur ein medial-konstruiertes, sondern auch ein emphatisches Phänomen war, wie Schildt in seinem Aufsatz zeigt. Auch wenn sich alle Autoren darüber einig sind, dass die 68er nicht allein auf die Gewaltfrage reduziert werden dürfen, steht diese immer wieder explizit und implizit im Mittelpunkt der Ausführungen: Während Sabrow die 68er in der Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt überhaupt erst konstituiert und ihren Beitrag für die politische Kultur der Bundesrepublik gerade in der Erkenntnis der Fragwürdigkeit von Gewaltanwendung sieht und ihm Semler in diesem Befund zustimmt, heben Gilcher-Holtey und Koenen die Kontinuitäten von Studentenbewegung und Linksterrorismus hervor. Noch interessanter, aber leider nur angedeutet ist die Frage, ob sich bestimmte Dispositionen nicht trotz veränderter politischer Orientierung im einzelnen erhalten haben – Mahler ist hier nur das extremste Beispiel. Gilcher-Holtey und Koenen verweisen auch auf die Unbekümmertheit des Faschismusvorwurfs, der in den 90er-Jahren zur Legitimation des Krieges gegen Jugoslawien seine Renaissance erfuhr, „Auschwitz“ wurde recht unbekümmert zur „Grundlage der politischen und gesellschaftlichen Identität und Verfassung der Bundesrepublik“ (Koenen, 108) erklärt. Von der Moralisierung des Politischen zur Moralisierung von Gewalt ist eben nur ein kleiner Schritt.
Frank Schale (FS)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 2.222.612.3312.3132.3142.37 Empfohlene Zitierweise: Frank Schale, Rezension zu: Martin Sabrow (Hrsg.): Mythos "1968" Leipzig: 2009, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/31567-mythos-1968_37594, veröffentlicht am 28.01.2010. Buch-Nr.: 37594 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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