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/ 17.06.2013
Wolfgang Johannes Wagner

Moderne Freiheit zwischen Interesse und Gefühl. Eine Untersuchung des politischen Denkens von Benjamin Constant

Aachen: Shaker Verlag 2001 (Berichte aus der Politik); X, 254 S.; 34,50 €; ISBN 3-8265-9486-X
Politikwiss. Diss. Universität der Bundeswehr Hamburg; Gutachter: M. Hereth, W. Gessenharter. - Sieht man von der literaturwissenschaftlichen Dissertation von Martin Winkler über Constants Aufklärungskritik einmal ab, dann legt Wagner seit Lothar Galls immer noch wegweisender Studie "Benjamin Constant - seine politische Ideenwelt und der deutsche Vormärz" (1963) nach Jahrzehnten der Stille um den französischen Denker die erste neuere Arbeit über Benjamin Constant vor. Während Gall Constant vornehmlich als einen seiner Zeit vorauseilenden Denker des Frühkonstitutionalismus charakterisiert hatte und die modernere angelsächsische Literatur zu Constant v. a. nach seinem Beitrag zur politischen Theorie des Liberalismus unter modernen, nachrevolutionären Bedingungen fragt (Holmes, Fontana), zeichnet Wagner im Hauptteil seiner Arbeit (13-144) das philosophische Fundament von Constants Denken nach. Er befragt Constants Schriften daraufhin, "welche Antworten sie auf [...] die stets wiederkehrende Frage nach der Ordnung der menschlichen Existenz in einer politischen Gemeinschaft geben" (1). Die anthropologische Grundstruktur des Menschen sei nach Constant durch eine Trias von Bestimmungsfaktoren gekennzeichnet: das Interesse des homo oeconomicus, das Gefühl des homme religieux sowie der Vernunft des aufgeklärten Bürgers. Da diese drei Elemente in Constants Denken jedoch unversöhnt nebeneinander stünden, übertrügen sich die Brüche in seinem spekulativen Denken auf seine Theorie politischer Institutionen. Hier nämlich zeige sich, dass eine allein auf Interessengleichgewicht begründete Ordnung instabil bleiben und deshalb um ethische Komponenten ergänzt werden müsse. Constants Lehre vom "pouvoir neutre" in der Politik sieht er als einen Versuch, das auf Interessenegoismus gegründete System der gewaltenteiligen Machtbalance um eine sittliche Instanz - verkörpert in der Person des Monarchen - zu ergänzen. Wagners geschulte und luzide Interpretation der Constant'schen Schriften legt nicht nur die Grundlagen, sondern damit auch die Schwächen seiner Theorie frei. Die etwas paradoxe Leistung des Hauptteils seiner Dissertation liegt darin, jenen bislang im Dunkeln gebliebenen Teil von Constants Denken zu erhellen, der einer Prüfung bei Tageslicht gar nicht standhält. Zwar wirft der von ihm entworfene konzeptuelle Rahmen auch ein erhellendes Licht auf Constants wesentlich fruchtbarere Verfassungstheorie, die Wagner im zweiten Teil seiner Studie (145-242) behandelt. Dennoch wäre eine Umkehrung der Gewichtung, ein etwas abgespeckter theoretischer und ein tiefergehender praktischer Teil womöglich von Vorteil gewesen. Dann nämlich hätte der innovative Politiktheoretiker Constant und nicht der allenfalls mediokre Philosoph im Vordergrund gestanden. So jedoch bleibt zwischen der Arbeit und jener Maxime Constants, die Wagner als Motto seiner Schrift voranstellt, eine eigenartige Asymmetrie bestehen: "Nous n'écrivons pas pour développer de vains théories, mais pour établir, s'il se peut, quelques vérités pratiques."
Florian Weber (FW)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 5.46 Empfohlene Zitierweise: Florian Weber, Rezension zu: Wolfgang Johannes Wagner: Moderne Freiheit zwischen Interesse und Gefühl. Aachen: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/16835-moderne-freiheit-zwischen-interesse-und-gefuehl_19346, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 19346 Rezension drucken
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