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/ 20.06.2013
Georges Corm

Missverständnis Orient. Die islamische Kultur und Europa. Aus dem Französischen von Bodo Schulze

Zürich: Rotpunktverlag 2004; 180 S.; brosch., 18,- €; ISBN 3-85869-281-6
Der ehemalige Finanzminister des Libanons Corm ist Autor zahlreicher Bücher in französischer und arabischer Sprache über die arabische Welt und Fragen der Entwicklungszusammenarbeit. In der 2002 im Original als „Occident, la fracture imaginaire“ erschienenen essayistischen Studie geht Corm von einem gedachten und immer wieder hergestellten Bruch zwischen „Okzident“ und „Orient“ aus. Dazu legt er die Ursprünge und Strategien der Diskurse europäischer und arabischer Intellektueller dar. Der Autor zeigt, auf welchen Fundamenten die Stereotype eines „mystischen, archaischen und irrationalen“ Orients entstanden sind, der im Gegensatz zum rationalen und laizistischen Westen erzeugt werde. Corm tritt essenzialistischen Theorien und monokausalen Erklärungen sowie einer vereinfachenden Symbolik entgegen. Er sieht auf der einen Seite eine Kultur des Überlegenheitsgefühls des „modernen“ Westens und auf der anderen Seite eine Kultur der Unterlegenheit der „barbarischen“ islamischen Welt. Vehement verweist er immer wieder auf die Unstimmigkeiten in den Diskursen einer scheinbar fortschrittlichen westlichen Kultur: So werde vor allem die Bedeutung der Mythologien und der Religion auch für die westlichen Gesellschaften der Gegenwart zumeist vernachlässigt. Zudem werden allzu oft die Gründe für die – unzweifelhaft grausamen – Gewalttaten in der islamischen Welt in erster Linie in deren Identität und Religion gesucht. Dabei werde aber übersehen, dass oft lokale oder geopolitische Interessen hinter diesen Taten stehen. Corm plädiert für ein Umdenken und eine Erneuerung der grundlegenden Ansichten in westlichen und in islamischen Interpretationen. Mithilfe der Wissenschaften, der Politik und der Bildung müsste sowohl die Allgemeinverständlichkeit der Moralprinzipien der europäischen Renaissance als auch deren ethische Grundsätze durchgesetzt werden. Corm bleibt in diesem Punkt recht vage und wirft auch im Verlauf des anspruchsvoll geschriebenen Textes unzählige Fragen auf, die den Lesefluss oft stören und zumeist nur ansatzweise beantwortet werden.
Oliver Trede (OT)
Dr. phil., Historiker/Politikwissenschaftler.
Rubrizierung: 2.234.12.2 Empfohlene Zitierweise: Oliver Trede, Rezension zu: Georges Corm: Missverständnis Orient. Zürich: 2004, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/22513-missverstaendnis-orient_25686, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 25686 Rezension drucken
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