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/ 18.06.2013
Judith Butler

Kritik der ethischen Gewalt. Aus dem Englischen von Reiner Ansén. Adorno-Vorlesungen 2002. Institut für Sozialforschung an der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt am Main

Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2003; 144 S.; kart., 14,90 €; ISBN 3-518-58361-1
Butler, die in Berkeley lehrende Philosophin, hat mit ihren radikalen Dekonstruktionen sozialer Normen (z. B. in "Körper von Gewicht. Die diskursiven Grenzen des Geschlechts") zweifellos große Aufmerksamkeit nicht nur im Bereich der Gender Studies gewonnen. Allerdings ist ihr auch vorgeworfen worden, ihre Auseinandersetzung mit Fragen der Ethik impliziere eine grundsätzliche Leugnung der Möglichkeit moralischer Verantwortung. Diesen Einwand wird man nach diesem Buch nicht mehr erheben können. In beeindruckend dichten Interpretationen von Adorno und Foucault, Nietzsche und Levinas entwickelt sie - jenseits aller Spielarten eines „selbstzufriedenen [...] Konstruktivismus" (131) - die Konturen eines Modells von Moral, das gerade den Umstand, dass wir von unserem Handeln keine vollständige Rechenschaft geben können, als Grundlage unserer Zurechenbarkeit versteht (116). So meint der provozierende Begriff der "ethischen Gewalt" nicht „Universalität per definitionem" (18), wohl aber jene formal-diskursiven Vorannahmen, die stets ein kohärentes, über seine Motive ungehindert verfügendes Subjekt als Autor moralischer Äußerungen voraussetzen. Weil das „Ich" immer schon durch seine gesellschaftlichen Entstehungsbedingungen „enteignet" ist (20), steht für Butler „eine Theorie der Subjektformierung, die die Grenzen der Selbsterkenntnis anerkennt, [...] im Dienst einer Konzeption der Verantwortung" (29). Darin ist unschwer die von Adorno wie von Foucault - wenn auch mit unterschiedlichen Argumenten - verfolgte Destruktion des Subjekts ablesbar. Aber der auf diese Weise proklamierte Tod „ist jedoch nur der Tod einer bestimmten Art von Subjekt [...,] der Tod einer Phantasie und damit der Verlust von etwas, das man nie besessen hat" (79). Inhaltsübersicht: I. Rechenschaft von sich selbst; II. Gegen die ethische Gewalt; III. Verantwortung.
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.425.44 Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Judith Butler: Kritik der ethischen Gewalt. Frankfurt a. M.: 2003, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/18935-kritik-der-ethischen-gewalt_21967, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 21967 Rezension drucken
CC-BY-NC-SA