/ 11.06.2013
Karl Hinrichs / Herbert Kitschelt / Helmut Wiesenthal (Hrsg.)
Kontingenz und Krise. Institutionenpolitik in kapitalistischen und postsozialistischen Gesellschaften. Claus Offe zu seinem 60. Geburtstag
Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 2000; 378 S.; kart., 98,- DM; ISBN 3-593-36450-6Runde Geburtstage sind in der Wissenschaft gute Anlässe zur Selbstreflexion. Der Band befasst sich deshalb mit dem zentralen Thema der Forschungen des Jubilars: Es ist die "Eigendynamik des Politischen bei der Mobilisierung von Kollektivinteressen und der Allokation von knappen Ressourcen durch andere Steuerungsmechanismen als denen des individualisierten Markttausches – mögen diese auf autoritativen politischen Entscheidungen, assoziativen Netzen und Kommunikationsstrukturen oder kommunitären, normativen Verpflichtungssystemen beruhen" (7 f.). Dabei unterstreicht Offe in seiner Theoriebildung die Bedeutsamkeit des institutionellen Designs für die Definition und Mobilisierung kollektiver Interessen.
Die Aufsätze der renommierten Politikwissenschaftler zielen genau in diese Richtung. Der Leitgedanke aller Beiträge ist die Frage nach dem angemessenen Design des Politischen in kapitalistischen und postsozialistischen Gesellschaften angesichts globalökonomischer Interdependenz und supranationaler Politik. Untersucht werden Aspekte, die das Thema der Kontingenz und Krise des Politischen hervorheben: Beobachtbar ist, dass der Konflikt zwischen Kapital und Arbeit nur noch eine reduzierte Wirkung auf die Strukturierung des Politischen hat. Daraus ergibt sich ein neues Dilemma der redistributiven Politik. Mit der fortschreitenden Entwertung der nationalstaatlichen Politikebene eröffnet sich auch eine "Kluft zwischen politikfähigen und politisierten Kollektivdefinitionen" (16) und es stellt sich die Frage nach den Rationalitätsgrenzen der zivilen Gesellschaft. Der sich in den postsozialistischen Gesellschaften vollziehende soziale Wandel erhöht den intellektuellen Ertrag der sozialwissenschaftlichen Forschungen ungemein, weil gesellschaftliche Veränderungen dort in konzentrierter Form in Erscheinung treten.
Die Geburtstagsreflexionen für Offe stellen damit eine Fundgrube innovativer Gedanken und Forschungsergebnisse dar, die sowohl erklärende als auch handlungsleitende Theorien der Politik empirisch überprüfen.
Inhalt: I. Institutionenpolitik in konsolidierten Demokratien: Philippe C. Schmitter: The Prospect of Post-Liberal Democracy (25-40); Ulrich K. Preuß: Herausforderungen an demokratische Verfassungen: Weimar und Bonn im Vergleich (41-57); Philippe Van Parijs: Should Europe be Belgian? On the institutional design of multilingual polities (59-78); Alan Wolfe / Jytte Klausen: Identity Politics and Contemporary Liberalism (79-101); Ulrich von Alemann: Das Politische an der Politik - Oder: Wider das Verschwinden des Politischen (103-115). II. Institutionenpolitik im Postsozialismus: Laszlo Bruszt: Heterarchies and Developmental Traps (119-140); Jon Elster: Studying Transitions: Constitution-Making and Transitional Justice (141-155); Herbert Kitschelt: Verfassungsdesign und postkommunistische Wirtschaftsreformen (157-188); Helmut Wiesenthal: Die politische Organisation des Unwahrscheinlichen - Sozialtheoretische Lehren der Transition von Sozialismus (189-217); Hartmut Häußermann: Institutionentransfer, soziale Konflikte und einheitsstiftende Theorie - Die Interpretation gesellschaftlichen Wandels am Beispiel der Stadterneuerung im Bezirk Prenzlauer Berg (219-241). III. Die Agenda der Sozialreform am Beginn des 21. Jahrhunderts: Wolfgang Streeck: Competitive Solidarity: Rethinking the "European Social Model" (245-261); Wolfgang Merkel: Der "Dritte Weg" und der Revisionismusstreit der Sozialdemokratie am Ende des 20. Jahrhunderts (263-290); Karl Hinrichs: Von der Rentenversicherungs- zur Alterssicherungspolitik. Reformen und Reformprobleme (291-317); Ilona Ostner: Neue Opfer – unverhoffte Gewinner. Die gewandelte Chancenstruktur des Arbeitsmarktes in der individualisierten Erwerbsgesellschaft (319-342); Rolf G. Heinze: Das Dilemma "gesellschaftlicher" Reformen - Die Förderung von Eigenarbeit und Tauschringen in der politischen Diskussion (343-359).
Wilhelm Johann Siemers (Sie)
Dipl.-Politologe, Journalist, Redakteur der Sprachlernzeitschrift vitamin de, Florenz.
Rubrizierung: 2.21 | 2.2 | 1.3 | 2.31 | 2.263
Empfohlene Zitierweise: Wilhelm Johann Siemers, Rezension zu: Karl Hinrichs / Herbert Kitschelt / Helmut Wiesenthal (Hrsg.): Kontingenz und Krise. Frankfurt a. M./New York: 2000, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/11926-kontingenz-und-krise_14228, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 14228
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Dipl.-Politologe, Journalist, Redakteur der Sprachlernzeitschrift vitamin de, Florenz.
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