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/ 21.06.2013
James J. Sheehan

Kontinent der Gewalt. Europas langer Weg zum Frieden. Aus dem Englischen von Martin Richter

München: C. H. Beck 2008; 315 S.; Ln., 24,90 €; ISBN 978-3-406-56931-9
Der Historiker Sheehan vertritt zwei zentrale Thesen: Die Überwindung des Krieges sei ein europäisches Phänomen und das Ergebnis der spezifischen Geschichte dieses Kontinents im 20. Jahrhundert. Außerdem habe „das Verschwinden des Krieges nach 1945 [...] ein völlig neues internationales System in Europa und eine neue Art von europäischem Staat geschaffen“ (17). In einer langsamen, lautlosen Revolution sei die Gewalt auf diesem Kontinent untergegangen. Sheehan grenzt diese Entwicklung von der gegenwärtigen Außenpolitik der USA ab, die sich vor allem mit einem „gewaltigen Netzwerk militärischer Stützpunkte“ (16) auf der internationalen Bühne behaupten. Man könnte meinen, für die USA gelte noch, was Heinrich von Treitschke 1874 postulierte, von Sheehan zu Beginn seiner Analyse zitiert: Ursprung und Existenz aller Staaten beruhen auf dem Krieg. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, das im Mittelpunkt der schlüssigen Darstellung steht, waren die europäischen Staaten vor allem durch das Militär geprägt. Sheehan beschreibt dieses als Schule einer Nation, in der der Soldat als idealer Bürger galt (womit offensichtlich war, „dass nur Männer vollwertige Angehörige der nationalen Gemeinschaft sein konnten“ [43]). Als einen ersten Schritt des Bewusstseinswandels benennt Sheehan die internationale Friedenskonferenz bei Den Haag von 1899, die u. a. mit einer Konvention über die friedliche Beilegung internationaler Konflikte endete. Im Hintergrund habe schon damals die Frage gestanden, wie sich die gesteigerte Zerstörungskraft des Krieges durch eine demokratische Politik und den technischen Fortschritt zügeln lasse. Angesichts des Wirtschaftswachstums im 19. Jahrhundert und gespeist aus der modernen Erfahrungswelt habe so die Entwicklung eines Glaubens an die Möglichkeit des Friedens begonnen, der sich allerdings erst nach 1945 entfaltet habe. Die Europäische Union sei damit kein Produkt des Krieges, sondern beherrscht von zivilen Institutionen und konzentriert auf zivile Ziele – ihr Ursprung und ihre Existenz beruhen auf dem Frieden.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 4.12.612.22.32.23 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: James J. Sheehan: Kontinent der Gewalt. München: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/28891-kontinent-der-gewalt_34106, veröffentlicht am 11.06.2008. Buch-Nr.: 34106 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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