/ 05.06.2013
Bernhard Giesen
Kollektive Identität. Die Intellektuellen und die Nation 2
Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1999 (suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1410); 360 S.; 24,80 DM; ISBN 3-518-29010-XOb im deutschen Historikerstreit, dessen Grundkonflikt jüngst in der Walser-Bubis-Kontroverse neu zum Vorschein kam, oder in der Diskussion um "nationbuilding-Prozesse" in Osteuropa: Stets spielt die Frage nach der kollektiven Identität eine zentrale Rolle. Giesen spart in seiner soziologischen Analyse des Phänomens kollektiver Identität solche Aktualitäten aus. Im ersten Teil der Arbeit (24-131) formuliert er allgemeine theoretische Überlegungen und Typologien, die sich ex post natürlich auch wieder gewinnbringend auf aktuelle Phänomene beziehen lassen. Paradigmatisch läßt sich Giesen dabei von einer konstruktivistischen Perspektive leiten, die sich in doppelter Abgrenzung sowohl von der Ideologiekritik distanziert, die Vergemeinschaftung als "falsches Bewußtsein" desavouieren zu können glaubt, als auch von dem (liberalen) "Versicherungsgesellschaftsmodell" (14), nach dem Vergemeinschaftung aus rein zweckrationalen Motiven erfolge. Demgegenüber versteht Giesen kollektive Identität als sozial konstruiert durch Rituale, die zwischen "innen" und "außen" die alles entscheidende Unterscheidungslinie ziehen: "Gerade weil das Ritual alle Unterschiede nivelliert und der Grenzziehung zwischen Teilnehmern und Nicht-Teilnehmern unterordnet, eignet es sich besonders zur Konstruktion von Gemeinschaftlichkeit" (15). Die rituellen Handlungen transportieren bestimmte Selbst- und Fremdbilder, die die Grenzen einer distinkten Gemeinschaft kodieren und sich zu einem Stabilität verbürgenden, rational nicht weiter hinterfragten kulturellen Weltbild fügen. Anschließend an die theoretischen Überlegungen rekonstruiert er anhand historischer Szenarien - deutsche und französische Aufklärung bzw. Jakobinismus und Romantik (133-182), deutscher Historismus und Modernismus in Kaiserreich (183-254), Antisemitismus und Rassismus in Deutschland und Frankreich (255-330) - die Konstruktion kollektiver Identität im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert.
Florian Weber (FW)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.23 | 5.42
Empfohlene Zitierweise: Florian Weber, Rezension zu: Bernhard Giesen: Kollektive Identität. Frankfurt a. M.: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/6701-kollektive-identitaet_9033, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 9033
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M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
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