Skip to main content
/ 19.06.2013
Ernst-Wolfgang Böckenförde

Kirche und christlicher Glaube in den Herausforderungen der Zeit. Beiträge zur politisch-theologischen Verfassungsgeschichte 1957-2002

Münster: Lit 2004 (Wissenschaftliche Paperbacks 25); II, 444 S.; brosch., 39,90 €; ISBN 3-8258-6604-1
Das Buch versammelt Aufsätze des Autors aus mehr als vier Jahrzehnten. Der Titel „Kirche und christlicher Glaube" konkretisiert sich hier als Katholizismus. Innerhalb des politischen Katholizismus stellt Böckenförde eine bedeutende Persönlichkeit dar, wie nicht zuletzt die Verleihung der theologischen Ehrendoktorwürde der Universität Bochum zeigt. Die Fragestellung, die das einigende Band der Beiträge bildet, formuliert der Autor so: „In welcher Weise können und müssen katholische Christen und die Kirche ihren Weltauftrag und ihre Weltverantwortung wahrnehmen angesichts einer Wirklichkeit, die nicht mehr einen christlichen Ordo zur Grundlage hat, sich vielmehr als demokratische Staatsordnung und säkulare Gesellschaft zeigt, die von einem religiös-weltanschaulichen und geistig-ethischen Pluralismus geprägt ist?" (2) Diesen Grundgedanken erörtert der Verfasser anhand verschiedener Themen: der Frage nach dem politischen Mandat der Kirche, der Darstellung des Prozesses der Säkularisation, der Klärung des Verhältnisses von politischer Theologie und politischer Theorie, der Aufarbeitung der Vergangenheit des deutschen Katholizismus und vielem mehr. Immer wieder scheint dabei die Fragestellung durch, die sich im vielleicht berühmtesten Zitat Böckenfördes ausdrückt: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann." (229) Das andere wiederkehrende Element in den hier gesammelten Aufsätzen liegt im häufigen Rekurs auf Carl Schmitt. Insbesondere die Schmitt'schen Ausführungen zu den Homogenitätserfordernissen demokratischer Staaten sind dabei Anknüpfungspunkt für Böckenfördes eigene Fragestellung. Die Transformation dieses Aspektes der politischen Theorie Schmitts in die Frage nach den vorstaatlichen Voraussetzungen politischer Einheitsbildung ist einer der großen intellektuellen Erträge dieser Aufsätze, der nicht zuletzt angesichts gegenwärtiger Debatten um Multikulturalismus und Integration an Bedeutung gewinnt. Aus dem Inhalt: I. Schwierigkeiten der Kirche mit der modernen Demokratie Das Ethos der modernen Demokratie und die Kirche (1957) Noch einmal: Das Ethos der modernen Demokratie und die Kirche. Eine Auseinandersetzung mit Hermann-Josef Spital (1958) II. Die erste Atomdebatte in der Bundesrepublik (1958-1961) (mit Robert Spaemann): Die Zerstörung der naturrechtlichen Kriegslehre. Erwiderung an Pater G. Gundlach S. J. (1960) (mit Robert Spaemann): Christliche Moral und atomare Kampfmittel (1961) III. Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit Der deutsche Katholizismus im Jahre 1933. Eine kritische Betrachtung (1961) Der deutsche Katholizismus im Jahre 1933. Stellungnahme zu einer Diskussion (1962) IV. Christliche Existenzweisen in der DDR Formen christlichen Weltverhaltens während der NS-Herrschaft (1965) V. Die Anerkennung der Religionsfreiheit - eine kopernikanische Wende Religionsfreiheit als Aufgabe der Christen (1965) Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisierung (1967) Einleitung zur Textausgabe der ‚Erklärung über die Religionsfreiheit' (1968) VI. Wie weit reicht das politische Mandat der Kirche? Streitpunkte mit Lehramt, Hirtenamt und politischer Theologie Politisches Mandat der Kirche? (1969) Kirchliches Naturrecht und politisches Handeln (1973) Das neue politische Engagement der Kirche. Zur „politischen Theologie" Johannes Pauls II. (1980/84) Politische Theorie und politische Theologie (1983) VII. Konkrete Herausforderungen - nach außen und innen Abschaffung des §218 StGB? (1971) Ethische und politische Grundsatzfragen zur Zeit (1981) Ist der deutsche Katholizismus systemkonform? (1989) Autorität - Gewissen - Normfindung. Thesen zur weiteren Diskussion (1992) VIII. Die säkulare Welt - Problemanzeige und Auftrag Überlegungen zu einer Theologie des modernen säkularen Rechts (1999) Als Christ im Amt eines Verfassungsrichters (1999) Religion im säkularen Staat (2002)
Sebastian Lasch (LA)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 5.12.312.232.35 Empfohlene Zitierweise: Sebastian Lasch, Rezension zu: Ernst-Wolfgang Böckenförde: Kirche und christlicher Glaube in den Herausforderungen der Zeit. Münster: 2004, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/21432-kirche-und-christlicher-glaube-in-den-herausforderungen-der-zeit_25016, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 25016 Rezension drucken
CC-BY-NC-SA