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/ 17.06.2013
Wolfgang Tischner

Katholische Kirche in der SBZ/DDR 1945-1951. Die Formierung einer Subgesellschaft im entstehenden sozialistischen Staat

Paderborn u. a.: Ferdinand Schöningh 2001 (Veröffentlichungen der Kommission für Zeitgeschichte. B: Forschungen 90); 629 S.; 85,90 €; ISBN 3-506-79995-9
Diss. Leipzig; Gutachter: U. von Hehl. - Das Werk fällt nicht nur durch die breite Quellenbasis, sondern auch durch die Fragestellung auf. Der Regierungs- und Systemwechsel 1990 in der DDR war von zahlreichen Katholiken mitgestaltet worden. Sie stellten Ministerpräsidenten, waren in den Parlamenten und kommunalen Vertretungskörperschaften weit über ihrem Bevölkerungsanteil vertreten, drängten in die CDU und sahen diese Partei überwiegend als ihre politische Vertretung an, wie die Wahlergebnisse zeigen. Typische katholische Verhaltensmuster stießen auf altbekannte antikatholische Reflexe, was den Autor die Weiterexistenz des katholischen Milieus in der DDR vermuten lässt. So lautet die Ausgangsfrage seiner Arbeit: "Wie konnte der Katholizismus in der DDR seine weltanschauliche Geschlossenheit über 40 Jahre Sozialismus hin wahren? Welche Entsprechungen zum katholischen Milieu wurden gebildet?" (14) Tischner untersucht die Formierungsphase des ostdeutschen Katholizismus, die Zeit, in der auch "die meisten fortwirkenden Strukturen der späteren DDR geschaffen wurden" (14). Dabei geht es ihm weniger um Kirchengeschichte oder die Kirchenpolitik der SED - die dennoch im ersten Teil der Arbeit behandelt werden -, sondern um eine religionsgeschichtliche Deutung, die die wechselseitige Durchdringung von katholischer Kirche und Gesellschaft untersucht (29). Den theoretischen Hintergrund der Arbeit liefern zum einen die Milieutheorie von Lepsius, zum anderen das Konzept der Subgesellschaft, das Altermatt für den Katholizismus in der Schweiz entwickelt hat. Tischner zeigt, dass typische Elemente einer Subgesellschaft, wie eine politische Vertretung oder ein reich gegliedertes Vereinswesen, im Untersuchungszeitraum in Ansätzen vorhanden war und unter den Bedingungen der Diktatur in veränderter Form fortgeführt wurden. Im dritten Kapitel untersucht er, ob die neu gegründete CDU in der Sowjetischen Besatzungszone eine politische Vertretung des ostdeutschen Katholizismus war. Es zeigt sich, dass die Parteigründung in den meisten ostdeutschen Ländern sowie in Berlin auf die Initiative ehemaliger Zentrumspolitiker zurückging. Dennoch wurde auf die Integration evangelischer Christen großer Wert gelegt. Liberale und SED bemühten sich, die neue Union als verkappte Zentrumsgründung darzustellen, was sich bei den Wahlen 1946 vor allem für die LDP auch auszahlte. Allerdings hatte die Sowjetische Militäradministration schon nach der Absetzung von Andreas Hermes begonnen, prominente Katholiken aus der Parteiführung zu verdrängen (212). Die Absetzung Jakob Kaisers im Dezember 1947 und die anschließende "Säuberung" der CDU bedeutete für die katholische Subgesellschaft den Verlust ihrer politischen Vertretung. Hinzu kam der Erlass des Berliner Bischofs Preysing, der den Priestern die Übernahme politischer Mandate untersagte. Damit sei der Rückzug des Katholizismus ins Ghetto eingeleitet worden, schlussfolgert der Autor (238). Das "weltanschauliche Gegenprogramm zum Kommunismus" (15) musste nun außerhalb der offiziellen Politik weitergepflegt werden. Für die katholische Subgesellschaft in der DDR wirkte das politische System wie eine Glasglocke (563), unter der sowohl die bürokratische Kernorganisation der katholischen Kirche als auch Teile der religiösen Sozialisation von Kindern und Jugendlichen weiterbestehen konnten. Die erhalten gebliebene katholische Gegenkultur erleichterte den Katholiken 1990 den Übergang in die Demokratie und stellte der neuen Ordnung einen beträchtlichen Teil des nötigen Personals zur Verfügung. Inhaltsübersicht: A. Die kirchenpolitischen Entwicklungslinien und der Ausbau der amtskirchlichen Strukturen: I. Die katholische Kirche in der SBZ bis zum Beginn des Kalten Krieges; II. Vom Preysing-Erlaß bis zur Konsolidierung der DDR. B. Der Aufbau der katholischen Subgesellschaft: III. Eine politische Vertretung des ostdeutschen Katholizismus?; IV. Die Sozialisation: Das Schul- und Ausbildungswesen; V. Lebensweltliche Hilfestellung; VI. Humanitäre Hilfsmaßnahmen zugunsten von Kriegsgefangenen und Internierten; VII. Das Kommunikationssystem der Subgesellschaft: Die katholische Presse-, Rundfunk- und Verlagsarbeit.
Henry Krause (HK)
Dipl.-Politologe, Referatsleiter, Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Dresden.
Rubrizierung: 2.3142.35 Empfohlene Zitierweise: Henry Krause, Rezension zu: Wolfgang Tischner: Katholische Kirche in der SBZ/DDR 1945-1951. Paderborn u. a.: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/15193-katholische-kirche-in-der-sbzddr-1945-1951_17269, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 17269 Rezension drucken
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