/ 22.06.2013
Frauke Höntzsch
Individuelle Freiheit zum Wohle Aller. Die soziale Dimension des Freiheitsbegriffs im Werk des John Stuart Mill
Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010 (VS Research); 227 S.; 34,95 €; ISBN 978-3-531-17244-6Politikwiss. Diss. München; Gutachter: H. Ottmann, M. Brocker. – Einer traditionellen Lesart zufolge existieren zwei von Grund auf verschiedene und nicht in Einklang zu bringende Mills: der utilitaristische Moralphilosoph auf der einen, und der politische Liberale auf der anderen Seite. Dagegen haben neuere „revisionistische“ Interpretationsansätze gezeigt, dass individuelle Freiheit und sozialer Nutzen in Mills Werk systematisch zu vereinbaren sind. Höntzsch geht von der Beobachtung aus, dass auch diese Auslegungen weiter der traditionellen Dichotomie verhaften bleiben, insofern sie einseitig entweder die liberalen oder utilitaristischen Aspekte in Mills Denken betonen. Gegen solche Reduktionen wird ein facettenreicherer Mill in Stellung gebracht. Sein „Liberalismus ist – anders als andere Sozialliberalismen – inhärent sozial, weil die Freiheit selbst sozial konzipiert ist“ (16) – so die Kernthese der Studie. Diese wird anhand mehrerer Schritte überzeugend plausibilisiert. Zunächst wird Mills „progressiv-duales Menschenbild“ (22) als Schlüssel zu seinem politischen Denken herausgearbeitet: Der Mensch ist entwicklungsfähig, trägt das Potenzial einer höheren Natur in sich und umfasst seinem Wesen nach nicht nur eine individuelle, sondern auch eine soziale Seite. Dieses Menschenbild birgt auch Konsequenzen für den Freiheitsbegriff. Statt von einer rein negativen individuellen Freiheit lässt sich auch von einer „komplexen negativen Freiheit“ (87 f.) sprechen, welche die Entwicklung des Einzelnen ermöglichen soll und auch genuin individuell- und kollektiv-soziale Aspekte umfasst. Ebenso erweist sich das Prinzip der Individualität als inhärent sozial, insofern es idealiter in der Ausbildung sozialer Tugend, der freiwilligen Ausrichtung am Wohl aller, mündet. Abschließend werden die politischen Rahmenbedingungen erörtert, mit denen Mill die komplexe negative Freiheit absichern will. So gelingt es jenseits festgefahrener Lesarten, einen frischen sozialliberalen Mill zu präsentieren, der mit seiner Verschränkung von individueller Freiheit und sozialer Verantwortung aktuelle Anstöße liefern kann.
Nikolai Münch (NM)
M. A., Politikwissenschaftler, Doktorand, Forschungszentrum Laboratorium Aufklärung, Universität Jena.
Rubrizierung: 5.33
Empfohlene Zitierweise: Nikolai Münch, Rezension zu: Frauke Höntzsch: Individuelle Freiheit zum Wohle Aller. Wiesbaden: 2010, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/32568-individuelle-freiheit-zum-wohle-aller_38875, veröffentlicht am 24.08.2010.
Buch-Nr.: 38875
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M. A., Politikwissenschaftler, Doktorand, Forschungszentrum Laboratorium Aufklärung, Universität Jena.
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