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/ 05.06.2013
Daniel Kipfer

Individualität nach Adorno

Tübingen/Basel: Francke Verlag 1998 (Basler Studien zur Philosophie 10); 290 S.; 78,- DM; ISBN 3-7720-2079-8
Diss. Basel. - Das Individuelle als Kategorie des Einzelnen und Besonderen ist erst in der neuzeitlichen Philosophie zur Sprache gekommen. In der Allgemeinheitsorientierung klassischer Ontologie war das Individuelle Anathema und wurde lediglich in der "allgemeinen Bestimmung, die es erlauben, dieses als Einzelnes zu begreifen" (11), gefaßt. Erst im Zuge der neuzeitlichen Rationalitätskritik über Kierkegaard, Nietzsche, Existenzialismus und die Kritische Theorie ist das Individuelle als solches entdeckt, reflektiert und eingefordert worden. Emphatisch wie kein anderer hat Theodor W. Adorno vielfach die "Wendung aufs Subjekt" gefordert: Nur der Einzelne sei in einer Welt des "totalen Verblendungszusammenhangs", in der das Ganze – entgegen Hegel – immer schon das Unwahre sei, in der Lage, sich dem Systemzwang "repressiver Egalität" zu entziehen. Kipfer widmet sich in seiner Dissertation Adornos Begriff des Individuellen, der in dreifacher Hinsicht als Ausgangspunkt seiner Philosophie gelten könne: Als Korrektiv, welches das utopische Ziel der Versöhnung verlangt, als Medium zur Verwirklichung veränderter Verhältnisse, schließlich als Prinzip von Humanität. Allerdings komme Adorno aus systematischen Gründen nicht zu einer positiven Bestimmung von Individualität, sie werde nur negativ als das ganz Andere bestimmt: Zentrales Thema von Adornos Philosophie sei nicht das Individuelle selbst, sondern die "Liquidation des Individuellen" (13). In einer Gesellschaft, die auch in ihrem demokratischen Gewand die Fortführung der faschistischen Herrschaft mit sublimeren Mitteln sei, erscheint Individualität bei Adorno nach Kipfer nur noch durch die Negativität des Weltzustandes hindurch. Diese Grundproblematik Adornoscher Theoriebildung analysiert der Autor anhand der kritischen Gesellschafts- und Kulturkritik (33-110) sowie an dem grundsätzlichen Problem der Vermittlung von Theorie und Praxis (111-220). Die Auflösung der Aporien Adornos durch Jürgen Habermas' Transformation der Kritischen Theorie sowie durch die Systemtheorie Niklas Luhmanns bilden den abschließende Teil des Buches (221-285). Hier zeigt der Titel seine doppelte Bedeutung: "Individualität nach Adorno" meint beides: im Sinne Adornos und in der Folge von Adorno. Die Studie liefert insgesamt eine detaillierte und lesenswerte Analyse des Individualitätsproblems bei Adorno und darüber hinaus. Daß der Autor nicht nur inhaltlich, sondern auch stilistisch Anleihen bei Adorno nimmt, erschwert die Lektüre, ohne das der Gegenstand es eigentlich erforderte, wie andere, klar formulierte Stellen zeigen. Wenn Kipfer im Nachwort schreibt: "Individualität als bürgerliche ist zugleich kritisierte und Massstab, nach dem Gesellschaft kritisiert" (279) und wenig später, erneut deutlich auf den Duktus des Frankfurter Philosophen zurückgreifend, referiert, "dass Gesellschaft eine hermetisch geschlossene Totalität sei, totalitär in ihrer grundlegendsten Bestimmung und der Tod von allem, was differiert" (279) – so verleiht er seiner Abhandlung den Schein des Epigonalen, der den durchaus überzeugenden inhaltlichen Ausführungen nur Abbruch tut: Adornos Sprache fasziniert nur im Original, als Kopie stört sie lediglich den Lesefluß und wirkt gestelzt, ja anachronistisch.
Florian Weber (FW)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 5.42 Empfohlene Zitierweise: Florian Weber, Rezension zu: Daniel Kipfer: Individualität nach Adorno Tübingen/Basel: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/7257-individualitaet-nach-adorno_9683, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 9683 Rezension drucken
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