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/ 18.06.2013
Iring Fetscher

Individualisierung versus Solidarität. Mit einem Vorwort von Hubert Christian Ehalt

Wien: Picus Verlag 2003 (Wiener Vorlesungen im Rathaus 97); 56 S.; geb., 7,90 €; ISBN 3-85452-397-1
Seit 1987 führen die Vorlesungen im Wiener Rathaus ein breites (auch nichtakademisches) Publikum mit Wissenschaftlern von weltweiter Prominenz zusammen. In seinem im November 2002 gehaltenen Vortrag bezeichnet Fetscher eine häufig gestellte soziologische Diagnose als irreführend: Nicht eine Tendenz zur Individualisierung lasse sich heute wahrnehmen, sondern nur die zunehmende Vereinzelung, Anonymisierung und das zunehmend egoistische Verhalten der Menschen. Dies sei keine Individualisierung, sondern lediglich eine Anpassung an die Trends zeitgenössischer Marktgesellschaften. In einem solchen Umfeld werde Solidarität weitgehend von einem moralischen auf ein nur noch technisch-taktisches Prinzip reduziert. Zwischen Individuen, die sich primär durch Konsum statt über die eigene Tätigkeit definieren, werde echte Solidarität erheblich unwahrscheinlicher als noch in der sich industriell begreifenden Gesellschaft. Fetscher streift mit Adam Smith, John St. Mill und Karl Marx einige Klassiker des ökonomischen Denkens; seine Darstellung hebt aber hauptsächlich auf den britischen Soziologen Fred Hirsch ab, dessen Behandlung der „sozialen Grenzen des Wachstums" (28) er umfänglich aufgreift. Fetscher will Paradoxien der Konsumgesellschaft aufzeigen, in der z. B. jede weitere Zunahme der Produktion unaufhebbar durch eine gesteigerte Nachfrage nach Positionsgütern konterkariert werde. Das am Konsum orientierte Glücksversprechen würde damit zur unerfüllbaren Schimäre. In der Zusammenführung von Marx und Aristoteles deutet Fetscher am Ende des Vortrags und als Fernziel einen Gegenentwurf zur Konsumgesellschaft an. Eine grundlegende Umgestaltung der Arbeitsprozesse sei erforderlich, damit (befriedigende) Arbeit wieder zu ihrer identitäts- und solidaritätsstiftenden Rolle zurückfinden könne. Auf ihrem Rücken ließe sich dann auch ein „wirklich ‚gutes Leben'" (54) herbeiführen, in dem sich Solidarität und Selbstgenuss nicht mehr notwendig ausschließen müssten.
Thomas Nitzsche (TN)
M. A., Fachreferent für Politikwissenschaft, Soziologie und Wirtschaftswissenschaft an der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek in Jena (ThULB).
Rubrizierung: 5.42 Empfohlene Zitierweise: Thomas Nitzsche, Rezension zu: Iring Fetscher: Individualisierung versus Solidarität. Wien: 2003, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/20457-individualisierung-versus-solidaritaet_23848, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 23848 Rezension drucken
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