/ 20.06.2013
Rudolf Burger
Im Namen der Geschichte. Vom Mißbrauch der historischen Vernunft
Lüneburg: zu Klampen Verlag 2007; 128 S.; hardc., 14,- €; ISBN 978-3-86674-015-0Burger, Professor für Philosophie an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien, wehrt sich in dieser Streitschrift vehement gegen einen bestimmten moralisierenden Gebrauch von Geschichte. Wir erleben heute – seit der Epochenschwelle 1989/91 – einen neuen Historismus, der anders als der des 19. Jahrhunderts nicht Helden-, sondern Opfergeschichten pflegt. Diese Viktimisierungsgeschichten werden als Ergebnis kollektiven Erinnerns präsentiert und erhalten – weil sie sich auf vermeintlich evidente Lehren der Geschichte berufen – eine autoritative Weihe. In diesem heilspädagogischen Umgang mit Geschichte im Singular sieht Burger das Wiederaufleben eines politisch gefährlichen Moralismus, der sich heute – nach dem Ableben der großen sozialistischen Erzählung – nationaler, ethnischer oder rassischer Identitäten bedient und damit den ideologischen Treibstoff für blutige Konflikte liefert. Gegen die derartigen Haltungen zugrunde liegende systematische Ausblendung der interpretativen Vermittlung, ohne die ein Erinnern nicht funktionieren kann, setzt der Autor – ganz im Geiste des Skeptizismus – sein Vorhaben einer Entpathetisierung der im Zuge dieser Geschichtspolitik mobilisierten Affekte und Leidenschaften. An Nietzsche und Sartre anschließend beharrt Burger auf der Einsicht, dass Geschichte als vergegenwärtigte Vergangenheit immer eine pragmatistische Struktur hat. Die jeweilige Vergegenwärtigung einer Vergangenheit beruht stets auf einem Entwurf, wie und was wir künftig sein wollen. Als Leitmotiv der Reflexionen Burgers kann deshalb der Satz stehen: „Wir haben eine Vergangenheit, aber wir geben uns eine Geschichte“ (36).
Thomas Mirbach (MIR)
Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
Rubrizierung: 5.42
Empfohlene Zitierweise: Thomas Mirbach, Rezension zu: Rudolf Burger: Im Namen der Geschichte. Lüneburg: 2007, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/21864-im-namen-der-geschichte_33801, veröffentlicht am 16.04.2008.
Buch-Nr.: 33801
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Dr., wiss. Mitarbeiter, Lawaetz-Stiftung Hamburg, Lehrbeauftragter, Institut für Politische Wissenschaft, Universität Hamburg.
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