Skip to main content
/ 18.06.2013
Christian Graf von Krockow

Hitler und seine Deutschen

München: Econ & List Taschenbuch Verlag 2002; 425 S.; 9,95 €; ISBN 3-548-60222-3
Wie kann sich eine Gesellschaft vor der Wiederkehr eines Hitlers schützen? Drei Grundregeln können dabei helfen, meint Krockow: die "Pflicht zur aktiven Toleranz", "Solidarität" und ein "Vorbeugen" (300). Warum wurden diese drei Regeln in den Jahren vor und nach der Machtübernahme durch Hitler in Deutschland verletzt? Dieser Frage geht Krockow leider nicht ausdrücklich nach, sondern versucht, vom Erwartungshorizont der Menschen in den Dreißigerjahren her deren Begeisterung für Hitler zu erklären. Dieser habe den Menschen versprochen, sie von der politisch-moralischen Eigenverantwortung zu entlasten, ihnen die Angst vor der Arbeitslosigkeit genommen und ein sicheres Lebensgefühl zurückgegeben. Krockow, der ansonsten Hitler und sein System eindeutig verurteilt, behauptet (mit Blick auf die Frauen), dass "das 'Dritte Reich' einen Beitrag zur gesellschaftlichen Modernisierung" (177) geleistet habe. Dies ist angesichts der Zerstörung einer demokratischen Staatsform, dem Unterdrücken jeglicher Opposition und vor allem der Judenverfolgung wohl eine völlig unangemessene Feststellung. Aber Krockow argumentiert weiter in diese Richtung und behauptet: "Doch kaum jemand geriet ins Abseits - sofern man von den Juden einmal absieht - der sich nicht selbst dahin stellte." (184) Soll der Leser daraus schlussfolgern, dass die politischen Häftlinge selbst Schuld waren, wenn sie im KZ saßen? Der Autor unterstellt in diesem Sinne folgerichtig Goldhagen, der den Antisemitismus tief in der deutschen Kultur verwurzelt sah, eine Fehlinterpretation in der Frage, warum auch vormals "brave Familienväter" an Vernichtungsaktionen teilnahmen. Für Krockow ist dies lediglich eine Frage des "Funktionierens im Verhältnis von Befehl und Gehorsam" (184). Der Bürger des Dritten Reiches habe als "Doppelmensch mit einer Doppelmoral" ohne "eine Gefühlsbeteiligung" (184) gehorcht, als Gegenleistung für ein sicheres Leben ohne Arbeitslosigkeit. Der Autor geht davon aus, dass es im Dritten Reich eine Trennung von Privatem und Öffentlichem gegeben habe und verkennt damit - die Forschung zu diesem Thema wird völlig ignoriert - den Charakter des totalitären NS-Staates. Mit der Doppelmoral meint er aber eine Erklärung dafür gefunden zu haben, warum die Menschen nach Kriegsende so schnell auf ein neues politisches System umschwenkten: "Der Pflichterfüller verstarb mit dem 'Dritten Reich'; was allein noch blieb, war der zivile Mensch" (292) - als ob es wirklich möglich gewesen wäre, die politisch-moralische Eigenverantwortung abzugeben. Der Autor entlastet damit auf nicht zu akzeptierende Art und Weise Täter wie Mitläufer und verharmlost das Dritte Reich insgesamt.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.312 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Christian Graf von Krockow: Hitler und seine Deutschen München: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/17362-hitler-und-seine-deutschen_19983, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 19983 Rezension drucken
CC-BY-NC-SA