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/ 17.06.2013
Walter Rauscher

Hitler und Mussolini. Macht, Krieg und Terror

Regensburg: Friedrich Pustet 2001; 648 S.; Ln., 34,90 €; ISBN 3-7917-1777-4
Ideologien und außergewöhnliche Persönlichkeiten machten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Völker und Staaten zu bloßen Figuren in einem verhängnisvollem Spiel. Erst die Verknüpfung einer "Weltanschauung" mit dem unbändigen Drang charismatischer Führer, einer Berufung zu folgen, versetzte den schwächelnden Demokratien mehrerer europäischer Länder den Todesstoß und öffnete Abgründe von Tod und Vernichtung. Biographien der verantwortlichen Akteure und ihr Vergleich können zum Verständnis dieser Vorgänge beitragen. Der Vergleich von Hitler und Mussolini ist besonders nahe liegend, sind doch die von ihnen installierten Diktaturen ohne sie kaum vorstellbar. Dennoch waren sie sehr unterschiedliche Persönlichkeiten. Während Hitler in seiner Jugend eher in sich gekehrt war, Tagträumen nachhing und von Liebschaften kaum etwas bekannt ist, war Mussolini schon als Kind verhaltensauffällig, ja brutal, auch im Verhältnis zum weiblichen Geschlecht, dessen er sich regelrecht bediente. Beide fühlten sich von der "Vorsehung" auserwählt, gaben sich politisch radikal, antikirchlich und verachteten die Menschen und das Volk, das ihnen als formbare Masse dienen sollte. Die Gleichschaltung von Staat und Gesellschaft war für sie kein Selbstzweck, sondern Voraussetzung ihrer Eroberungspläne. Es fällt nicht leicht, sich in die historische Situation hineinzuversetzen, in der diese Eigenschaften den politischen Aufstieg und schließlich die Führerschaft ganzer Völker beförderten. Rauscher ermöglicht dies, indem er den Weg beider Männer und das historische Umfeld schildert. Ihr Lebensweg wird zunächst parallel in chronologischer Reihenfolge erzählt, wobei es für den Leser keine leichte Aufgabe ist, nach fast jedem Kapitel gedanklich von Italien nach Deutschland und umgekehrt zu springen. Bemerkenswert und gleichzeitig deprimierend ist, von wie vielen Zufällen die Machtergreifung der beiden Tyrannen abhing. Besonders für Italien bemüht sich der Autor, aufzuzeigen, wie wichtig die Furcht vor einer linksextremen Revolution für den Aufstieg des Faschismus war (60). Hinzu kam ein "respektvolles Staunen vor Mussolinis Tatendrang" (84), der scharf mit den hoffnungslos zerstrittenen demokratischen Parteien kontrastierte. Mit der zeitlich zehn Jahre versetzten Machtergreifung Hitlers verlagert sich die Aufmerksamkeit des Autors, der als Historiker am Österreichischen Ost- und Südosteuropainstitut in Wien arbeitet, von der Innen- zur Außenpolitik. Dadurch gerät die gesamteuropäische Entwicklung in den Blick; die Lebenswege der beiden Männer beginnen sich zu berühren. Mussolini fühlte sich zunächst als Mentor Hitlers (197), der den Duce bewunderte. Noch im ersten Regierungsjahr war Hitlers Verhältnis zu Mussolini "höchst unbefriedigend" (207). Die Achse Rom-Berlin, die für Italien vor allem auch die Abwendung von den Westmächten bedeutete, entstand erst nach den "Erfolgen" von Hitlers Außenpolitik, in "einer Phase zerbrechenden Friedens" (225). Spätestens die Einverleibung der "Rest-Tschechei" setzte ein atemberaubendes Szenario in Gang und machte auch den Westmächten klar, dass Hitler kein konventioneller Staatsmann war (306). Die Besetzung großer Teile Europas durch die deutsche Wehrmacht und die gleichzeitigen permanenten Misserfolge des italienischen Militärs erzeugten bei Mussolini wechselnde Gefühle von Neid, Abscheu und Bewunderung gegenüber dem deutschen Partner. Die enge Bindung an Hitler, dessen Kriegführung keine politische Alternative vorsah (426), stürzte auch Italien ins Verderben. Die beiden Diktatoren wurden zu "getriebenen Siegern", wie ein Kapitel treffend überschrieben ist, die mit der Fortdauer des Krieges zunehmend den Bezug zur Realität verloren (510). Die Bilanz beider Diktaturen fiel dennoch grundverschieden aus: Hitlers Instinkte eines Massenmörders waren dem Italiener fremd. Rauscher weist darauf hin, dass es in der gesamten Zeit des Faschismus 5000 politische Gefangene und bis 1943 26 politisch motivierte Hinrichtungen gegeben habe (601). Das sind im Vergleich zu den Millionen Opfern des NS-Völkermordes "bescheidene" Zahlen und dürfte Grund genug sein, begrifflich zwischen Faschismus und Nationalsozialismus zu unterscheiden. Der italienische Faschismus verschwand nach 21 Jahren mit der Absetzung Mussolinis wie ein Spuk. Hitler entging nicht nur mehreren Attentatsversuchen, er schaffte es auch, seine Kriegsmaschine bis zur totalen Niederlage am Laufen zu halten. Während die Beschreibung Hitlers, des nationalsozialistischen Regimes und seiner Kriegführung für deutsche Leser kaum Überraschendes bringt, ist die parallele Schilderung des Geschehens in Italien und teilweise in Österreich von besonderem Interesse. Politikwissenschaftliche Kategorien, Theorien und Erklärungsansätze oder die Diskussion kontroverser Positionen wird man in Rauschers Werk nicht finden.
Henry Krause (HK)
Dipl.-Politologe, Referatsleiter, Sächsische Landeszentrale für politische Bildung, Dresden.
Rubrizierung: 2.252.3122.61 Empfohlene Zitierweise: Henry Krause, Rezension zu: Walter Rauscher: Hitler und Mussolini. Regensburg: 2001, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/15579-hitler-und-mussolini_17762, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 17762 Rezension drucken
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