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/ 17.06.2013
Robert Gellately

Hingeschaut und Weggesehen. Hitler und sein Volk. Aus dem Amerikanischen von Holger Fliessbach

Stuttgart/München: Deutsche Verlags-Anstalt 2002; 456 S.; 25,90 €; ISBN 3-421-05582-3
Ein geregeltes Leben, gutes Essen und ein Dach über dem Kopf (79) - so wurden die Konzentrationslager in den Anfangsjahren der Nazi-Diktatur in den Medien präsentiert. Und weil man glaubte, dass hauptsächlich Kommunisten und "Asoziale" zur Erziehung eingesperrt würden, verzeichneten die NS-Meinungsforscher ganz überwiegend Zustimmung zu den Lagern. Wie erfolgreich die Nationalsozialisten die öffentliche Meinung manipulierten, beschreibt Gellately, Professor for Holocaust Studies an der Clark University in den USA, auf interessante Weise. Er wendet sich damit gegen die seiner Ansicht nach zu monokausale Erklärung von Daniel Jonah Goldhagen, der in seinem Buch "Hitlers willige Vollstrecker" den "eliminatorischen" Antisemitismus in Deutschland als Grundlage und Hauptwesenszug der Zustimmung beschrieben hat. Gellately geht auf die Geschichte des Antisemitismus allerdings nicht ein und gewichtet ihn weniger stark. Um zu zeigen, dass auch viele Bürger die judenfeindlichen Ausschreitungen in den Dreißigerjahren negativ beurteilten, zitiert er aus den Tagebüchern Victor Klemperers. Allerdings ist dabei zu bedenken, dass Klemperer seinen Alltag aus rein subjektiver Sicht schildert und damit vor allem die Reaktionen der Menschen, die er schon länger kennt. Seine Aufzeichnungen geben damit nur den Umgang mit ihm, einem einzelnen Menschen, wieder und lassen keine gesicherten Rückschlüsse auf die allgemeine Haltung gegenüber den Juden zu. Warum die Deutschen auch in den späteren Jahren der Hitler-Diktatur die Konzentrationslager akzeptierten, als dort Juden interniert und ermordet wurden, erklärt der Autor so: "Das verlogen idyllische und utopische Bild von den Lagern in den Medien und die Rationalisierungen für ihre Existenz hinterließen Spuren in der Vorstellungswelt der Deutschen und prägte ihre Auffassungen von dem, was geschah." (364) Gleichzeitig wurde der Terror im Alltag sichtbar. Es kam nicht nur aufgrund von Denunziationen, mit denen viele Bürger "private Rechnungen" begleichen wollten, zu Verhaftungen und Urteilen (315 ff.). In mehreren tausend Städten und Dörfern wurden im Laufe der Jahre Konzentrationslager eingerichtet, die nicht zu übersehen waren. Als "die größten Ausbeuter von KZ-Häftlingen" (295) erwiesen sich dabei die Privatunternehmen. Und auf dem Weg zur Arbeit waren die Häftlinge für jedermann sichtbar. Warum in der öffentlichen Meinung die Diskrepanz zwischen Propaganda und Wirklichkeit scheinbar so mühelos überbrückt wurde, klärt der Autor nicht ausführlich. Auch wird nicht deutlich, warum gegen Kriegsende sogar "normale" Bürger die aus den Todesmärschen Geflüchteten einfingen oder erschossen (336 ff.). "Es war ein charakteristisches Merkmal des Dritten Reiches [...], daß das Regime keine Mühe hatte, sich der Kollaboration normaler Bürger zu versichern." (362) Gellatelys These, dass für diese "moralische Verrohung" (364) die propagandistische Darstellung der Konzentrationslager und ihrer Häftlinge in den Medien einen wesentlichen Anteil hat, erscheint am Ende des Buches nicht völlig überzeugend. Die Meinungen und Motive der Bürger, die die Diktatur mitgetragen haben, hätten stärker gewichtet werden müssen. Denn sonst hätten - zugespitzt formuliert - vor allem ein paar Propagandatricks den Weg zum Holocaust geebnet. Inhalt: 1. Abwendung von Weimar; 2. Polizeijustiz; 3. Konzentrationslager und Medienberichte; 4. Schatten des Krieges; 5. Soziale Außenseiter; 6. Das Unrecht an den Juden; 7. Sonder-"Justiz" für Fremdarbeiter; 8. Feinde in den eigenen Reihen; 9. Konzentrationslager und Öffentlichkeit; 10. Diktatur und Volk am Ende des Dritten Reiches.
Natalie Wohlleben (NW)
Dipl.-Politologin, Redakteurin pw-portal.de.
Rubrizierung: 2.312 Empfohlene Zitierweise: Natalie Wohlleben, Rezension zu: Robert Gellately: Hingeschaut und Weggesehen. Stuttgart/München: 2002, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/16789-hingeschaut-und-weggesehen_19289, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 19289 Rezension drucken
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