/ 21.06.2013
Kordula Kühlem
Hans Kroll (1898-1967) Eine diplomatische Karriere im 20. Jahrhundert
Düsseldorf: Droste Verlag 2008 (Forschungen und Quellen zur Zeitgeschichte 53); 697 S.; geb., 48,- €; ISBN 978-3-7700-1904-5Geschichtswiss. Diss. Bonn; Gutachter: K. Hildebrand, U. Lappenküpper. – Kroll war von 1953 bis 1955 in Jugoslawien und anschließend bis 1958 in Japan jeweils erster deutscher Nachkriegsbotschafter und gehörte zu den auffälligsten Figuren der Anfangsjahre der bundesdeutschen Diplomatie. Über die Grenzen des Auswärtigen Amtes hinaus bekannt wurde er zwischen 1958 bis 1962 als Botschafter in Moskau. Mit außergewöhnlich guten Kontakten zu Chruschtschow setzte er, seinen Handlungsspielraum als Botschafter sehr weit auslegend und in dieser Frage einen wahren Missionswillen entwickelnd, eigene Akzente bei den Versuchen einer Normalisierung der deutsch-sowjetischen Beziehungen. Dabei geriet er gelegentlich in Konflikt mit der offiziellen Politik der Bundesregierung. Er schuf sich zudem bei den – damals sowohl im AA als auch außerhalb sehr zahlreich zu findenden Gegnern einer Normalisierung der bilateralen Beziehungen – viele Feinde. Nach einer Pressekampagne wurde er aus Moskau abberufen. Seine 1967 posthum erschienenen Lebenserinnerungen erzeugten ein erhebliches öffentliches Aufsehen, stellten aber natürlicherweise seinen eigenen, stark subjektiv geprägten Blick auf die Ereignisse dar. In dieser fast durchweg chronologisch aufgebaute Biografie wird die „Kroll-Affäre“ sehr anschaulich beschrieben. Die Autorin beleuchtet dabei erstmals in dieser Detailtiefe die Deutschland- und Ostpolitik der Bundesregierung zu Zeiten der zweiten Berlinkrise aus der Sicht der praktischen Arbeit vor Ort und füllt damit eine Forschungslücke. Gezeigt wird, dass die „Arkanpolitik“ des Bundeskanzlers vor allem theoretisch existierte, „in ihrem praktischen Teil nur auf Stillhalten setzt[e] und Adenauer vor konkreten Schritten zurückschreckt[e]“ (623). Darüber hinaus ist die Darstellung von Krolls diplomatischer Karriere in drei deutschen Staatssystemen in vielen Aspekten repräsentativ für die Lebenswege vieler Diplomaten der Nachkriegszeit und der Anfangsjahre der Bundesrepublik. Diese Biografie ist damit auch ein Beitrag zur Erforschung der Geschichte des Auswärtigen Amtes.
Thomas Henzschel (TH)
Dr., Auswärtiges Amt, Arbeitsstab Iran.
Rubrizierung: 2.3 | 2.312 | 2.313 | 4.21
Empfohlene Zitierweise: Thomas Henzschel, Rezension zu: Kordula Kühlem: Hans Kroll (1898-1967) Düsseldorf: 2008, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/28250-hans-kroll-1898-1967_33237, veröffentlicht am 19.06.2008.
Buch-Nr.: 33237
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Dr., Auswärtiges Amt, Arbeitsstab Iran.
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