/ 11.06.2013
Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.)
Hannah Arendt: Verborgene Tradition – Unzeitgemäße Aktualität?
Berlin: Akademie Verlag 2007 (Deutsche Zeitschrift für Philosophie Sonderband 16); 371 S.; geb., 49,80 €; ISBN 978-3-05-004389-0Der zum 100. Geburtstag der Denkerin erscheinende Tagungsband rekonstruiert den Beitrag Arendts für den politischen Republikanismus und eine kritische Öffentlichkeit in der Demokratie. Die Beiträge sind nach den titelgebenden zwei Perspektiven auf das Arendt'sche Denken geordnet. Im ersten Teil „Traditionsbruch und verborgene Vergangenheit“ wird Arendt als eine innovative Schwellen-Denkerin zwischen jüdischer und europäischer Tradition und zwischen ideengeschichtlicher Kontinuität und der durch den Totalitarismus bedingten Zäsur skizziert. Jerome Kohn kennzeichnet das Arendt'sche Denken als durch die Erfahrung des Traditionsverlustes geprägt. Sie fundiere die republikanische Theorie statt auf dem römischen Rekurs auf Tradition und Autorität, in einer Theorie des freiheitlichen politischen Handelns, das an die Fähigkeiten von Einbildungskraft und Initiative gebunden sei. Dana Villa untersucht das ambivalente Verhältnis zu Heidegger. In den zum zweiten Teil, „Unzeitgemäße Aktualität?“, gehörenden Aufsätzen wird nach Arendts Beitrag für die gegenwärtige politische Theorie gefragt. Nach Rahel Jaeggi sind Politisches und Nicht-Politisches für Arendt keine konstant fixierten Sphären, sondern Gegenstandsbereiche, deren Grenzen in politischen Auseinandersetzungen festgelegt werden. Arbeiten und Handeln bezeichnen ihrer Interpretation nach bestimmte Modi der Thematisierung des Zusammenlebens. Einige Beiträge widmen sich Arendts Begriff der Menschenrechte. Etienne Balibar stellt heraus, dass Arendt das Begründungsverhältnis von Menschen- und Bürgerrechten umkehre: Der Status des Einzelnen sei vom politischen Raum abhängig, in dem er sich bewege. Stefan Gosepath nimmt die liberale Menschenrechtstheorie gegen Arendts Kritik in Schutz. Arendts Kritik an den „abstrakten“ und „weltlosen“ Menschenrechten sei nicht mehr stichhaltig. Die internationale Durchsetzung von Menschenrechtsstandards werde heutzutage durch einen transkulturell geteilten minimalen Konsens gestützt. Die Inanspruchnahme von Menschenrechten sei nicht mehr auf den Status des Staatsbürgers beschränkt.
Florian Weber (FW)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 5.46 | 5.42
Empfohlene Zitierweise: Florian Weber, Rezension zu: Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.): Hannah Arendt: Verborgene Tradition – Unzeitgemäße Aktualität? Berlin: 2007, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/9585-hannah-arendt-verborgene-tradition--unzeitgemaesse-aktualitaet_34007, veröffentlicht am 11.06.2008.
Buch-Nr.: 34007
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M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
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