/ 04.06.2013
Friedrich Balke
Gilles Deleuze
Frankfurt a. M./New York: Campus Verlag 1998 (Einführungen 1090); 185 S.; kart., 26,80 DM; ISBN 3-593-35980-4Nichts geringeres als eine neue Geschichte des "philosophischen Abenteuers" seit seinen griechischen Anfängen sei den Büchern von Deleuze zu entnehmen. Wir wissen noch gar nicht, was Philosophen alles "vermögen", weil das Bild, das wir uns von ihnen machen, zu einfach, zu harmlos, zu gesichert ist, statt sie "mittendrin" zu nehmen, wo sie von Lösungen am weitesten entfernt sind, so Deleuze. Von dieser Kritik inspiriert, gelingt es Balke ebenso einfühlsam wie brillant, die LeserInnen mitten ins bewegende und sich als Bewegung verstehende Denken von Deleuze einzuführen. Unter den scheinbar naiven Kapitelüberschriften "Sagen", "Sehen", "Denken", "Leben" und "Wünschen" entfaltet Balke ein komplexes Bild der Deleuzeschen Philosophie, das lineare, starre Systematisierungen vermeidet und zentrale Leitmotive von immer neuen Seiten beleuchtet - ganz im Sinne des Deleuzeschen Denkstils selber.
Philosophie sei für Deleuze nicht kommunikatives Handeln oder gar die Suche nach Universalien, um die Vernünftigkeit des philosophischen Diskurses oder menschlicher Rede insgesamt zu begründen. Sie sei auch keine Begründungspraxis logischer Art, sondern öffne sich gerade dem Zufall, der Kontingenz, dem Singulären oder dem "Ereignis". Statt den Zweifel oder das Paradox auszublenden, um so zu absoluten Einsichten oder rationalen Rekonstruktionen zu gelangen, setze sich das Begründen schon durch den bloßen Vollzug dem Vergleich anderer Möglichkeiten aus und versage unvermeidlich bei dem Versuch, einen sicheren Grund zu erreichen, der der Bewegung des Denkens Einhalt gebieten könnte. So ist Philosophie für Deleuze weniger eine Form der Theorie als die eines Experiments. Die experimentelle Haltung verweigert sich dem Rückgang auf einen singulären Grund der Dinge, sie erforscht vielmehr Relationen. Die Macht zu unabsehbarer Verkettung mache das Leben aus, das für ihn kein Prinzip der Fülle und der ursprünglichen, organischen Ganzheit darstellt. Es ist immer schon die Vielheit, das Zerbrochene, Defekte. In diesem Sinne verteidigt Balke Deleuzes expliziten Vitalismus gegen Vorwürfe des Irrationalismus und konstatiert ironisch, daß sich Deleuze vielmehr einer "Vertiefung des Pluralismus schuldig" (160) mache. Dabei falle Deleuze nicht in elegische, dramatische Präsentationen der Philosophie, die wie Adorno Hegel umdrehen und das Ganze das Unwahre nennen, um noch in der Negation an ihm festzuhalten. Für Deleuze sei das Ganze weder das Wahre noch das Unwahre, sondern eine Vielheit, ein Prozeß der Komplexifizierung. Deleuzes Aktualität und wohl auch größte Provokation liegt darin, daß sie nicht aufhört, einen bestimmten Konformismus der Philosophie zu brandmarken: das Denken der Singularität, der Identität, des Identischen und der Repräsentation. Insgesamt ist das Buch eine gelungene Einführung, der man jedoch ihre große Nähe zum Gegenstand auch als Distanzlosigkeit auslegen könnte.
Claudia Bruns (CB)
Dr., Historikerin.
Rubrizierung: 5.46 | 5.42
Empfohlene Zitierweise: Claudia Bruns, Rezension zu: Friedrich Balke: Gilles Deleuze Frankfurt a. M./New York: 1998, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/5342-gilles-deleuze_7010, veröffentlicht am 01.01.2006.
Buch-Nr.: 7010
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Dr., Historikerin.
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