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/ 11.06.2013
Aleida Assmann / Ute Frevert

Geschichtsvergessenheit - Geschichtsversessenheit. Vom Umgang mit deutschen Vergangenheiten nach 1945

Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt 1999; 319 S.; geb., 42,- DM; ISBN 3-421-05288-3
Die Autorinnen beginnen ihr Buch mit der Frage, wie der Philosoph Friedrich Nietzsche, der der deutschen Gesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts vorwarf, an historischem Fieber zu kranken, wohl auf die "Geschichtsbesessenheit" unserer Gegenwart reagiert hätte: Die Antwort offen lassend, begnügen sie sich mit der Feststellung, dass die seit den 1980er Jahren in Mode geratenen historischen Debatten, die Flut historischer Ausstellungen und die historischen TV-Dramen den Grad der Beschäftigung mit Geschichte im ausgehenden 19. Jahrhundert spielend übertreffen. Dieser Befund, der in der Walser-Bubis-Debatte seinen jüngsten und bislang höchsten Ausschlag gefunden zu haben scheint, dient ihnen als Ausgangspunkt für die zweigleisige Analyse des Phänomenkomplexes Erinnerung, Geschichtsbewusstsein und Vergangenheitsbewältigung. Im ersten Teil untersucht Assmann - ausgehend von Walsers Paulskirchenrede - Formen der Erinnerung seit Bestehen der Bundesrepublik. Den von Alexander Mitscherlich in seinem berühmten Werk "Die Unfähigkeit zu trauern" ausgearbeiteten psychoanalytischen Ansatz einer deutschen Kollektivpsyche ersetzt sie durch die zeitgemäßere Konzeption einer Gedächtnistheorie. Sie unterscheidet zwischen "kommunikativem Gedächtnis" (36 ff.), das generationsspezifisch und an die konkrete Lebensform gebunden ist, und "kollektive Gedächtnis" (41 ff.), das sie als konstruiertes Gedächtnis einer politischen Gruppe bestimmt. Eine dritte Form bildet das "kulturelle Gedächtnis" (49), es stützt sich auf externe Medien und Institutionen und bildet ein "soziales Langzeitgedächtnis" (49). Anhand dieser Unterscheidung teilt sie die Geschichte deutscher Erinnerung in drei Phasen ein: Die Phase von 1945 bis 1958 charakterisiert sie als Epoche der Selbstentlastung, die von 1958 bis 1984 als Zeit der Kritik an bisheriger Vergangenheitsbewältigung, schließlich die Zeit seit 1985 als eigentliche Erinnerungsphase, wobei sie zwischen der auf einen Schlussstrich bedachten "Vergangenheitsbewältigung" und der "Vergangenheitsbewahrung" unterscheidet. Die Sozialhistorikerin Frevert kontrastiert im zweiten chronologisch verfahrenden Teil die unterschiedlichen Arten des Umgangs mit Vergangenheit in beiden deutschen Teilstaaten. Am Anfang steht eine Gemeinsamkeit: "Beiden deutschen Staaten [...] war daran gelegen, sich mit historischen Legenden zu umgeben, sich in bestimmte Traditionen zu stellen und sie für ihre eigene Rechtfertigung zu vereinnahmen" (152) Die Bundesrepublik bemächtigte sich nach Frevert ihres Erbes jedoch weniger dogmatisch und entwickelte keine stringente Geschichtspolitik, wie sie in der DDR etwa im Antifaschismus als Gründungsmythos eines anderen Deutschlands betrieben wurde. Damit ermöglichte sie eine Vielfalt von Erinnerungsperspektiven, die sich - so ihre These - in den 90er Jahren zu einem "relativ homogenen Kollektivgedächtnis" (13) verschmolzen haben.
Florian Weber (FW)
M. A., wiss. Mitarbeiter, Institut für Politikwissenschaft, Universität Jena.
Rubrizierung: 2.352.3122.3132.314 Empfohlene Zitierweise: Florian Weber, Rezension zu: Aleida Assmann / Ute Frevert: Geschichtsvergessenheit - Geschichtsversessenheit. Stuttgart: 1999, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/10028-geschichtsvergessenheit---geschichtsversessenheit_11860, veröffentlicht am 01.01.2006. Buch-Nr.: 11860 Rezension drucken
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