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/ 22.06.2013
Zsuzsa Breier / Adolf Muschg (Hrsg.)

Freiheit, ach Freiheit... Vereintes Europa – geteiltes Gedächtnis

Göttingen: Wallstein Verlag 2011; 248 S.; geb., 16,90 €; ISBN 978-3-8353-0955-5
Die ungarische Kulturwissenschaftlerin und Diplomatin Zsuzsa Breier und der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg stellen den Begriff der Freiheit als möglichen zentralen Bezugspunkt eines gesamteuropäischen Wertekanons in den Mittelpunkt ihrer Anthologie. Die abgedruckten Texte entstammen einer Berliner Vortragsreihe zum „europäischen Doppelgedächtnis“ des Vereins Dialog.Kultur.Europa in den Jahren 2008 bis 2010 sowie der abschließenden Konferenz „Erinnerung für die Zukunft“ im April 2010. Ein knappes Viertel der 37 essayistischen Beiträge ist in Englisch verfasst, wobei es inhaltlich zu einigen Überschneidungen kommt. Die Autoren – Politikwissenschaftler, Historiker, Politiker, Publizisten und Journalisten – konstatieren eine „Ungleichzeitigkeit des europäischen Gedächtnisses“ (150) zwischen den Staaten auf beiden Seiten des ehemaligen Eisernen Vorhangs. Sie betonen die Notwendigkeit, die historischen Erfahrungen der ehemaligen Ostblockstaaten in einen gesamteuropäischen Diskurs zu integrieren. Inwieweit dadurch eine „,volkspädagogische‘ Meistererzählung“ (78) konstruiert werden kann und soll, darüber gehen die Meinungen jedoch auseinander. Ein aus politikwissenschaftlicher Perspektive wichtiges Grundelement vieler Beiträge bildet unter Rückgriff auf den Totalitarismusbegriff die Forderung nach einer vergleichenden Einordnung von nationalsozialistischer und kommunistischer Erfahrung. Letztere sei „bis heute keine geteilte Geschichte in Europa“, sondern stelle einen „Erfahrungsnachteil des Ostens“ (107) dar. Dass diese Forderung bisweilen sehr polemisch vorgetragen wird (etwa von Mária Schmidt), schmälert ein wenig das zugrunde liegende berechtigte Anliegen. Denn für viele Bewohner der östlichen Staaten begründet die im Westen noch vielfach verbreitete positive Einschätzung kommunistischer und sozialistischer Ideen ein „Gefühl des kulturellen Ausgeschlossenseins“ (15), das die Fortführung des europäischen Einigungsprozesses auf ideeller Ebene erschwert. Es ist ein wichtiges Verdienst der Herausgeber, dass deren Stimmen zu Gehör gebracht werden.
Martin Munke (MUN)
M. A., Europawissenschaftler (Historiker), wiss. Hilfskraft, Institut für Europäische Studien / Institut für Europäische Geschichte, Technische Universität Chemnitz.
Rubrizierung: 2.612.232.255.43 Empfohlene Zitierweise: Martin Munke, Rezension zu: Zsuzsa Breier / Adolf Muschg (Hrsg.): Freiheit, ach Freiheit... Göttingen: 2011, in: Portal für Politikwissenschaft, https://www.pw-portal.de/rezension/34182-freiheit-ach-freiheit_41003, veröffentlicht am 05.01.2012. Buch-Nr.: 41003 Inhaltsverzeichnis Rezension drucken
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